Willkommen in Somalia

[Clan-Strukturen] [Das Land] [Krieg und Vertreibung] [Islamismus] [Entwicklungen ab Ende 2008 - Piraterie - Hungersnot]


Offizieller Name: Demokratische Republik Somalia
Hauptstadt: Mogadischu
Fläche: 637.657 km²
Landesnatur: Somalitafel, im SO Tiefland, im N steiler Abfall zum Golf von Aden
Klima: Trockenheißes Klima
Hauptflüsse: Webi Shabelle, Guiba
Höchster Punkt: Surud Ad 2.406 m
Regierungsform: Präsidiale Republik (bis 1991)
Staatsoberhaupt: Staatspräsident (z.Z. Übergangspräsident)
Verwaltung: 18 Provinzen
Parlament: Übergangsparlament mit 245 ernannten Mitgliedern
Nationalfeiertag: 1. Juli
Einwohner: 9.672.000 (1999); 8.863.338 (geschätzt für Juli 2006)
Bevölkerungsdichte: 15 Ew./km² (1999)
Stadtbevölkerung: 27% (1999)
Bevölkerung unter 15 Jahren: 44% (1999)
Analphabetenquote: 76% (1999)
Sprache: Somali (Amtssprache seit 1972, seit 1972 in lateinischer Schrift), Arabisch, Englisch und Italienisch als Handels- und Bildungssprachen
Religion: Moslems 99,8% (Sunniten schafiitischer Richtung); 0,1% Christen
Importgüter: Getreide, Fahrzeuge, Maschinen
Exportgüter: Lebendes Vieh, Häute, Felle, Bananen, Gemüse, Myrrhe, Weihrauch


Clan-Strukturen
Eine Besonderheit in der Politik und Geschichte Somalias liegt in der Bedeutung sogenannter Clans. Die Kenntnis der Clanstrukturen und ihrer Bedeutung für die somalische Gesellschaft ist daher ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis für die politischen und historischen Entwicklungen in Somalia.
Die sechs Hauptfamilien Somalias sind die Darod, Hawiye, Issaq und Dir (alle überwiegend nomadisch) sowie die Rahanweyn und Digil (überwiegend Ackerbauern). Über 95% aller Somalis gehören einem Subclan an, der sich einem dieser Stämme zugehörig fühlt.
Den zahlenmäßig größten Clan bilden die Darod, das Hauptsiedlungsgebiet der Darod liegt im Nordosten und im Süden Somalias. Hinter den Darod folgen zahlenmässig die Hawiye, die hauptsächlich in Zentralsomalia und Mogadishu anzutreffen sind. Als drittgrößter Clan bewohnen die Isaaq den Nordwesten des Landes. Die Dir leben im Nordwesten Somalias an der Grenze zu Djibouti und im Süden des Landes. Die Rahanweyn und die Digil leben als Ackerbauern vor allem im fruchtbaren Südwesten Somalias, Zentrum dieser Clans ist die Stadt Baidoa
(Aus: Auswärtiges Amt - Somalia - Innenpolitik) .

Das Land
Staub und Wind, Fels und Sand, Zerzauste Akazien, Hitze und Fliegen. Flüchtlingslager, trockene Brunnen, Hunger. Der Alltag am Horn von Afrika scheint der Anstrengung nicht wert, Somalia näher kennenzulernen.
Den Pharaonen dagegen lag vor 3500 Jahren viel an dem "Götterland" Punt, das ihnen Weihrauch und Myrrhe, Elfenbein und Leopardenfelle lieferte. Die Griechen nannten das Horn "Azania", ("dürr"). Dies beschreibt genau die Natur der weiten Buschsavannen, die den größten Teil Somalias einnehmen. Nur im Norden steigen Berge über 2000 Meter an. Im jahreszeitlichen Wechsel der Monsune fallen günstigenfalls 500 mm Niederschlag im Jahr. das Thermometer klettert im Sommer auf durchschnittlich 36° bis 42°C. Im Süden, wo entlang der einzigen Flüsse Webi Shabelle und Guiba Galeriewald steht, ist es etwas frischer.

Landwirtschaft
Zwischen den Flüssen konzentriert sich Somalias Ackerbau. Aber nur rund ein Achtel der potentiell nutzbaren Ackerfläche wird bislang bebaut. Neben Mais, Hirse und Zuckerrohr für den Eigenverbrauch werden Bananen für den Export angebaut. Ein großer Staudamm bei Baardheere soll die Anbaufläche um 30% erweitern.
Über die Hälfte der Bevölkerung aber lebt nach wie vor von der Viehzucht, die auch 65% der Exporterlöse erwirtschaftet. Die riesigen Herden bilden den größten Reichtum Somalias. Das Kamel ist das Prestige-Tier der Nomaden, die hauptsächlich von seiner Milch leben. Die Bedeutung der Herdenwirtschaft ist so groß, dass das Wort "Sozialismus" auf Somali durch "Teilen des Viehs" übersetzt wird.

Ein Volk - vier Staaten
Die Suche nach neuen Weidegründen bestimmt die Geschichte der kuschitischen Somali. Von ihrer Urheimat im Nordosten breiteten sie sich seit dem 10. Jahrhundert in immer neuen Schüben nach Westen und Süden aus. Die alteingesessenen Oromo und Bantu wurden zurückgedrängt oder assimiliert.
Trotz einer gewissen Spannung zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern ist die kulturelle und sprachliche Homogenität der Bevölkerung einzigartig in Schwarzafrika. Nomadismus und Islam sind die beiden Hauptpfeiler der somalischen Kultur. Dem kriegerischen Stolz und anarchischen Freiheitsbewusstsein der Nomaden steht ausgleichend die Zugehörigkeit zur islamischen Gemeinde gegenüber.

Schon vor der Verbreitung des Islam gab es in Somalia arabische Küstensiedlungen. Bald entwickelte sich dort eine eigene arabisch-persisch-somalische Mischkultur, wie etwa in der späteren Hauptstadt Mogadischo. Eine wirkliche Islamisierung des Landesinneren erreichten aber erst die mystischen Bruderschaften im 19. Jahrhundert.

Aus ihren Reihen speiste sich der Widerstand gegen die Kolonialmächte England, Äthiopien und Italien, die das Land zwischen 1885 und 1900 untereinander aufgeteilt hatten. Die 21 Jahre andauernden Aufstände unter dem Nationalhelden und Dichter Sayid Mohammed Abdullah Hassan (1857-1921) wurden 1920 durch den erstmaligen Einsatz von Flugzeugen in Afrika niedergeschlagen.

Krieg und Vertreibung

Die Unabhängigkeit vereinte 1960 nur Britisch- und Italienisch-Somaliland. Der fünfzackige Stern im Staatswappen verweist auf die übrigen Gebiete somalischer Bevölkerung: Mehr als 20% der Somali leben im Ogaden (Äthiopien), rund 6% in Kenias Norddistrikt und etwa 5% in Dschibuti. Der Anspruch auf diese Gebiete belastete seit der ersten Stunde Somalias Beziehungen zu seinen Nachbarn und führte 1977/78 zu einem verlustreichen Krieg mit Äthiopien. Nach der Niederlage flohen über 1 Million Somali aus dem Ogaden. Die Versorgung der Flüchtlinge überstieg bei weitem Somalias eigene Kräfte. Gleichzeitig entwickelte sich, ausgehend vom vernachlässigten Norden, ein neuer, äußerst blutiger Bürgerkrieg.

Nur mit eiserner Faust hatte sich das Regime von General Mohammed Siyad Barre (1919-1995) und die "Sozialistische Somalische Revolutionspartei" seit dem Putsch von 1969 an der Macht halten können. Nach schweren Kämpfen mit verschiedenen Rebellengruppen wurde Barre 1991 gestürzt.
Trotzdem fand das Land keine innere Stabilität, da sich die rivalisierenden Gruppen untereinander bekämpften. Auch eine UNO-Friedensmission konnte die Auseinandersetzungen nicht beenden. 1997 schlossen die Bürgerkriegsparteien in Kairo ein Versöhnungsabkommen. Im August 2000 wurde Abdulkassim Salad Hassan zum Staatsoberhaupt gewählt.

Das Leid der Bevölkerung - Islamismus
Über eine Million Somalier leiden in dem von Clan- und Stammeskriegen paralysierten Land unter Dürre, Hunger und Seuchen. Im Juni 2000 nahmen IWF und Weltbank Gespräche mit Somaliland und Puntland auf. Die völkerrechtlich nicht anerkannten Gebiete bildeten sich im Norden auf der Basis von Familienclans (Isaak bzw. Majerteen) und gelten als vergleichsweise stabil.

Die Clanchefs und auch die Warlords des Südens boykottieren den Friedenskongress in Dschibuti.
Insgesamt ist die Sicherheitslage in Somalia unübersichtlich. In weiten Teilen des Landes herrschen Milizen.
Seit Oktober 2004 gibt es einen Übergangspräsidenten und eine Übergangs-Verfassung ("Charta"). Die Übergangsregelung ist für die Dauer von 5 Jahren vorgesehen.
Im Dezember 2006 schlossen sich somalische Regierungstruppen mit äthiopischen Truppen zusammen um die Islamisten, zusammengefasst im Somalischen Rat der Islamischen Gerichte (SICC), im Süden Somalias zu bekämpfen und schließlich zu entwaffnen. Den Islamisten wurde von Seiten Äthiopiens und der USA vorgeworfen, in Somalia eine fundamental-islamische Herrschaft nach dem Muster der afghanischen Taliban errichten zu wollen und Verbindungen zur Al-Kaida zu unterhalten.

Die Macht der Scharia-Gerichte
»[...] Ab Juni 2006 stiegen die islamistischen Milizionäre der Scharia-Gerichte (UIC) zur dominierenden politisch-militärischen Kraft auf, bereits Ende des Jahres war ihre Herrschaft mit Hilfe äthiopischer Truppen aber bereits wieder bendet. [...]
In einer massiven militärischen Offensive gelang es der äthiopischen Invasionsarmee Ende Dezember binnen weniger Tage, die UIC aus dem ganzen Land zu vertreiben. [...] Am 28.12. verließen die letzten 3000 UIC-Kämpfer praktisch kampflos Mogadischu in Richtung Süden. Die Regierungstruppen eroberten mit äthiopischer Unterstützung am 1.1.2007 auch Kimaayo und erreichten erstmals die Kontrolle über das ganze Territorium. Nachdem Kenia seine Grenze am 3.1. geschlossen hatte, begannen äthiopische Truppen mit US-Unterstützung den Kampf gegen die verbliebenen Positionen der Islamisten im äußersten Süden Somalias. Bei einem Luftangriff am 9.1.2007 auf mutmaßliche Stellungen der Milizionäre starben 50 Menschen. Ziel der USA waren drei Terroristen von Al-Qaida, die für die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 verantwortlich gemacht werden, jedoch wahrscheinlich entkommen konnten. [...]
Anfang 2007 konnte die international anerkannte, aber in Somalia wenig populäre Übergangsregierung von Präsident Abdullahi Jusuf Ahmed ihre Amtsgeschäfte in Mogadischu aufnehmen. [...]«

Zitiert aus: Der Fischer Weltalmanach 2008, S.468 f.

Entwicklungen ab Ende 2008

»[...]
Neue Übergangsregierung:
Am 29.12.2008 erklärte der seit 2004 amtierende Staatspräsident Abdullahi Jusuf Ahmed seinen Rücktritt mit der Begründung, er habe die Kontrolle über das Land an islamistische Aufständische verloren. Am 31.1.2009 wurde der Führer der Allianz für die Wieder-Befreiung Somalias (ARS), Scheich Scharif Ahmed (...), vom Übergangsparlament in Dschibuti zum neuen Präsidenten gewählt. Er bekam 293 Stimmen, 126 Abgeordnete votierten für seinen Widersacher Maslah Mohamed Barre, Sohn des 1991 gestürzten Diktators Mohamed Siad Barre. Abdirashid Ali Sharmarke wurde zum neuen Premierminister bestimmt. Vor der Wahl war das Übergangsparlament auf 550 Abgeordnete verdoppelt worden, die 275 zusätzlichen Sitze hatten gemäßigte Islamisten der ARS eingenommen. Die Shabaab-Milizen erklärten, auch die neue Regierung nicht anzuerkennen.

Vormarsch der radikalislamischen Milizen:
Wie im Waffenstillstandsabkommen vom Oktober 2008 vereinbart, zog Anfang 2009 die äthiopische Armee aus Somalia ab. Ende Januar eroberten Shabaab-Milizen nahezu kampflos die Stadt Baidoa, ehemaliger Sitz der Übergangsregierung. Umfang und Intensität der Kämpfe zwischen Islamisten und Regierungstruppen nahmen daraufhin dramatisch zu. In der Folge konzentrierten sich die Kämpfe auf die Hauptstadt Mogadischu, in der die neue Übergangsregierung unter Scheich Scharif Ahmed sowie das Übergangsparlament ihren Sitz genommen hatten. Angriffsziel der Milizen war auch die von der Afrikanischen Union seit März 2007 entsandten ca. 4350 AMISOM-Soldaten. Die AMISOM-Friedenstruppe war im März 2007 eingerichtet worden, um die äthiopische Invasionsarmee abzulösen. Unter diesen Umständen blieb die neue Regierung in ihrer Handlungsfähigkeit und Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt: Der Präsident war kaum in der Lage, den von AMISOM-Truppen geschützten Präsidentenpalast zu verlassen. Bis zum Sommer 2009 begann die Funktionsfähigkeit des Parlaments zu brodeln - gemäß Verfassung müssen mindestens 250 Abgeordnete bei den Abstimmungen anwesend sein, damit Beschlüsse rechtskräftig getroffen werden können: Nachdem das Parlamentsgebäude wiederholt von den Milizen angegriffen worden war, flohen immer mehr Abgeordnete aus der Hauptstadt. Ende Juni 2009 übte die Übergangsregierung nur noch über kleine Gebiete der Hauptstadt Mogadischu Kontrolle aus.
Am 20.6. bat der Parlamentspräsident Aden Mohamed Nur das Ausland um militärische Unterstützung, nachdem zuvor Milizen zum wiederholten Male versucht hatten, den Regierungssitz zu stürmen, und zwei Regierungsmitglieder durch Anschläge getötet worden waren: der Polizeichef Mogadischus Ali Said am 17.6., Sicherheitsminister Omar Haschi Aden am 18.6. Am 22.6.2009 rief Präsident Scheich Scharif Ahmed den Notstand aus.

Einführung der Scharia:
Das Übergangsparlament stimmte am 18.4.2009 für die Anwendung der Scharia und eine entsprechende Änderung der Verfassung. Beobachter werteten dies als Reaktion auf die äußerst brutale Durchsetzung islamischen Rechts durch die Shabaab-Milizen in den von ihnen kontrollierten Landesteilen. Amnesty International legte darüber im Mai 2009 einen alarmierenden Bericht vor. Besonders schockierend war die öffentliche Steinigung eines 13-jährigen Mädchens am 27.10.2008 in Kismaayo, nachdem sie ein von den Shabaab-Milizen organisiertes Scharia-Gericht wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs zum Tode verurteilt hatte. Das Mädchen hatte sich zuvor an die Behörden gewandt, nachdem sie von drei Männern vergewaltigt worden war; Rechtsbeistand war ihr während der Verhandlung nicht gewährt worden. Internationale Proteste rief auch die Bestrafung von vier jugendlichen Handy-Dieben am 24.6.2009 in Mogadischu hervor, denen ein Shabaab-Gericht Hände und Füße in einem öffentlichen Zeremoniell abhacken ließ.

Bemühungen der internationalen Gemeinschaft:
Der UN-Sicherheitsrat konnte sich auch angesichts der zugespitzten Lage nicht auf eine UN-Intervention verständigen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erklärte, nur ein belastbarer Friedensschluss mache die Entsendung einer Friedensmission möglich (...). Stattdessen finanzierten UN, EU und USA weiterhin einen Großteil der AMISOM-Operationen. Die AMISOM-Friedenstruppen hatten im Berichtszeitraum ihre geplante Stärke von 8000 Soldaten noch nicht erreicht (im Sommer 2009 ca. 4350 Soldaten) und beschränkten ihre Tätigkeiten im Wesentlichen auf Personen- und Objektschutz innerhalb der Hauptstadt Mogadischu.
Die USA sagten nach Berichten amerikanischer Zeitungen im Juni 2009 der Übergangsregieruung umfangreiche Waffenlieferungen zu. Zudem griff das US-Militär weiterhin in unregelmäßigen Abständen Stellungen der Shaab-Milizen an.
Die Regionalorganisation IGAD (Intergovernmental Authority on Development) forderte auf einem Gipfeltreffen am 20.5.2009 in Addis Abeba (Äthiopien) die UN auf, eine See- und Luftblockade über Somalia zu verhängen, um Waffenlieferungen und den Zustrom von Kämpfern aus dem Ausland zu unterbinden. Als wichtigstes Unterstützerland für die Shabaab-Milizen gilt Eritrea. Aber auch Jemen, die Golfstaaten und Äthiopien gelten als Herkunftsländer für die unzähligen Waffen, die es auf den Schwarzmärkten in Somalia zu kaufen gibt. Auch die Teilnehmer des AU-Gipfels in Sirte (Libyen) am 3.7. forderten den UN-Sicherheitsrat auf, Sanktionen über Eritrea zu verhängen.
Auf einer internationalen Geberkonferenz am 23.4.2009 in Brüssel wurden über 250 Mio. US-$ von etwa 40 Staaten, der EU, der Arabischen Liga sowie dem Golfkooperationsrat für die Sicherheit Somalias zugesagt, allein die EU steuerte 60 Mio. € zu. Darüber hinaus hat Brüssel für den Zeitraum 2008-2013 rd. 216 Mio. € für Entwicklungsprojekte in Somalia bereitgestellt, die v. a. in den Regierungsaufbau, die Bildung und ländliche Entwicklung fließen sollen.

Somaliland und Puntland:
Vergleichsweise ruhig, aber dennoch problematisch gestaltete sich die politische Entwicklung in der abtrünnigen Nordprovinz Somaliland. [...] Verschlechtert hat sich das Verhältnis zwischen der Übergangsregierung und der autonomen Provinz Puntland, deren Präsident Adde Muse Hersi im Abkommen von Dschibuti vom Oktober 2008 die Clanvielfalt Somalias nicht ausreichend berücksichtigt sah. Auch unter seinem seit 8.1.2009 amtierenden Nachfolger Abdirahman Mohamed Farole war die Unterstützung für die Zentralregierung deutlich brüchiger als zuvor.

Humanitäre Lage:
Insgesamt wurden über 1 Mio. Somalier durch Kriegs- und Kampfhandlungen vertrieben und befinden sich seitdem auf der Flucht. Nach der erneuten Gewalteskalation gegen Zivilisten seit Herbst 2008 verließen Tausende das Land, v. a. in Richtung Kenia. Nach Angaben von Human Rights Watch beherbergen die Flüchtlingslager im kenianischen Dadaab mittlerweile fast 250.000 Somalier unter größtenteils katastrophalen Verhältnissen (  Kenia). Allein aus der umkämpften Hauptstadt Mogadischu sollen nach UNHCR-Schätzungen zwischen Anfang Mai und Anfang Juli 2009 etwa 204.000 Menschen geflohen sein. Amnesty International spricht von 16.000 getöteten Zivilisten zwischen Januar 2007 und Mai 2009. Hunderte Flüchtlinge ertranken auf ihrer Flucht über den Golf von Aden nach Jemen. Völkerrechtlich problematisch war die Lage der Flüchtlinge, die nach Somaliland geflohen waren; da Somaliland weiterhin international nicht als eigenständiger Staat anerkannt ist, wurden die dorthin Geflohenen als Binnenvertriebene angesehen. Die Regierung in Hargeysa hingegen stufte sie als internationale Flüchtlinge ein und tat zu wenig, um ihre Versorgung sicherzustellen.

Piraterie:
Die Piraterie nahm in den letzten Monaten sprunghaft zu: Während 2008 vor der Küste Somalias 111 Piratenangriffe und 42 Schiffskaperungen gezählt wurden, registrierte man allein in der ersten Jahreshälfte 2009 vor Somalia, v.a. im Golf von Aden, 102 Piratenangriffe. Dabei wurden 31 Schiffe gekapert und etwa 500 Seeleute als Geiseln genommen. Nach der Tötung von drei Piraten durch die US-Marine am 11.4.2009 im Zuge der spektakulären Befreiung des Tankers Maersk Alabama kündigte der im somalischen Eyl (Puntland) ansässige Piratenführer Abdi Garad an, künftig vermehrt US-amerikanische Staatsbürger angreifen zu wollen. Damit hat sich die Piraterie vor der Küste Somalias vom anfänglichen Widerstand gegen ausländische Fischerei-Fregatten über das Stadium der organisierten Wirtschaftskriminalität hin zu einer terroristischen Aktivität entwickelt. Zum Schutz der internationalen Seefahrt sowie der Hilfslieferungen des UN-Welternährungsprogramms WFP wurde am 15.6.2009 seitens der EU die seit Dezember 2008 bestehende Atalanta-Mission in den somalischen Gewässern bis zunächst Dezember 2010 verlängert. Beobachter bemängeln indes, damit würden lediglich die Symptome bekämpft, nicht aber die Ursachen, die vorwiegend im fortgeschrittenen Staatszerfall Somalias zu suchen seien. Im Juni 2009 waren für Atalanta 14 Schiffe und drei Flugzeuge aus insgesamt sechs Nationen im Einsatz [...]«

Zitiert aus: Der Fischer Weltalmanach 2010: Zahlen Daten Fakten, S. 88 ff.

"Die Piraten-AG"

Das gefährlichste Seegebiet der Welt liegt vor der Küste Somalias.

»Somalias Piraten sind der größte Arbeitgeber der Region: eine perfekt organisierte Firma, an der auch kleine Leute Anteile erwerben. Ihre Lieblingsbeute: Deutsche«

»[...] Die Küste vor dem mittelsomalischen Ort Haradheere« ist ein vollständig rechtsfreies »Gebiet ohne Regierung oder sonstige Sicherheitskräfte. Dort ist der Hauptsitz der somalischen Piraten und die Basis ihres wichtigsten Anführers: Mohamed Hassan Abdi Afweyne. [...] Er gehört dem mächtigen Suleiman-Stamm an und befehligt bis zu 1000 Piraten. [...] Die somalischen Piraten haben ihr kriminelles Geschäft nahezu perfekt organisiert. Sie rechnen pro Überfall mit Grundinvestitionen von rund 500.000 Dollar. Seit Kriegsschiffe der NATO und anderer Staaten im Golf von Aden direkt vor der afrikanischen Küste operieren, sind die Kosten gestiegen. Jetzt müssen die Piraten bis zu 2000 Kilometer in den Indischen Ozean hinausfahren. [...] Die Piraten sind der größte Arbeitgeber der Region, und mit ihnen ist sogar etwas Wohlstand in Somalia ... eingezogen. [...]«

»Im Schnitt 1,5 Millionen Euro Lösegeld.
[...] Im Jahr 2009 gab es weltweit 406 Überfälle, davon 217 durch somalische Piraten. 47 Schiffe brachten sie dabei in ihre Gewalt, darunter eine Segeljacht, Schlepper, Fischkutter, Containerschiffe, Tanker jeder Art, Massengutfrachter und RoRo-Schiffe (Roll-on-Roll-off-Schiffe). 867 Besatzungsmitglieder wurden als Geiseln genommen, zehn wurden verletzt, viert getötet, ein Seemann ist noch immer vermisst. Am Stichtag 31. Dezember 2009 hatten somalische Piraten zwölf Schiffe und 263 Besatzungsmitglieder unterschiedlicher Nationalität in ihrer Gewalt. Die durchschnittlichen Lösegeldsummen pro Schiff waren auf 1,5 Millionen Euro gestiegen.«

»[...] Nach Abzug aller Unkosten und Rückzahlungen wird der verbliebene Gewinn laut einem Bericht des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen so verteilt: zehn Prozent für die bewaffneten Kräfte an Land, zehn Prozent für die Stammesältesten, 30 Prozent für die Piraten und 50 Prozent für die Investoren. Fachleute schätzen, dass der Umsatz der somalischen Piratenindustrie 80 bis 100 Millionen US-Dollar pro Jahr beträgt. [...]«
Zitiert aus: PM, 09/2010, S. 84ff.
www.pm-magazin.de

Siehe auch:
www.ag-friedensforschung.de, Piraterie, Seeräuberei. Formen, geografische Verbreitung, Ursachen, Bekämpfung

Ursache der entstandenen Piraterie
»[...] "Früher waren wir ehrliche Fischer, aber seit Fremde unsere Meere leer fischen, müssen wir nach anderen Wegen suchen, um zu überleben", sagt der Mann. Er ist Chef einer Bande, die sich "Küstenwache" nennt und aus 350 ehemaligen Fischern und Milizsoldaten besteht.[...] Zur Welthauptstadt der Piraterie hat sich das 300 Kilometer nördlich von Hobyo gelegene ehemalige Fischerdorf Eyl entwickelt. [...] "Wir wollen ja niemanden töten". "Uns geht es nur um das Geld", sagt Sugule Ali, derzeit der bekannteste Sprecher der somalischen Piraten. "Wir sind keine Seeräuber, sondern Küstenwächter. Piraten sind für uns diejenigen, die illegal unser Meer leer fischen, ihren Müll hier verklappen und Waffen durch unsere Gewässer transportieren." [...] Begonnen haben die See-Gangster als kleine Selbsthilfegruppen. Vor knapp 20 Jahren, als in Somalia die staatliche Ordnung zusammenbrach, tauchten Fangflotten aus aller Herren Länder auf und bedienten sich ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz in den somalischen Hoheitsgewässern. [...] Mit Kalaschnikows aus den Arsenalen der einstigen Sowjetunion fuhren sie hinaus, beschlagnahmten Kutter der Eindringlinge und kassierten zu ihrer eigenen Überraschung meist relativ problemlos bis zu 500.000 Dollar Lösegeld. Eine ebenso lukrative wie ausbaufähige Geschäftsidee war geboren, die bald hungrige Milizionäre und zwielichtige Figuren aus dem ganzen Land anzog. [...]«
Zitiert aus: www.stern.de, 7. Dezember 2008


Juli 2011: Hungersnot

Nach zwei Jahren ohne Regen droht in Somalia die "schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt"

»[...] Die Dürre am Horn von Afrika gilt als die schlimmste der vergangenen 60 Jahre. Besonders betroffen ist Somalia, aber auch Teile Äthiopiens und Kenias leiden unter der Trockenheit. Das Welternährungsprogramm schätzt, dass mindestens zehn Millionen Menschen in der Region Nahrungshilfe benötigen. Etwa zwei Millionen Kinder leiden Unicef-Angaben zufolge an Unterernährung. [...]« Viele Somalier flüchten ins Nachbarland Kenia, wo sie im Flüchtlingslager Dadaab wenigstens mit dem Notwendigsten versorgt werden können.
Zitat: www.sueddeutsche.de, Hunger in Somalia: UN schlagen Alarm, 11.07.2011
nach oben

Literatur

Alle Länder dieser Erde. Band 2, Sonderausgabe in 2 Bänden, Reader´s Digest (Hg), Bertelsmann, Gütersloh/München, 2001, S.1296 f.



www-Links



About Somalia
CIA -- The World Factbook -- Somalia
On-Line Resources Related to Somalia
SOMALIA - A Country Study
UN Somalia
ArabNet -- Somalia
Somalia and Somaliland
Somalia News - News and current events
Somalia Watch
The ACG Somalia Page
UNO-Militär als Menschenrechtsbrecher
Bilaterale Beziehungen zwischen Somalia und Deutschland
Islam

nach oben