Willkommen in Argentinien

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Offizieller Name: Argentinische Republik
Hauptstadt: Buenos Aires
Fläche: 2.780.400 km²
Landesnatur: Im W verläuft von N nach S das Hochgebirge der Anden, im NO das zentrale Tiefland (mit Pampa, Gran Chaco und Zwischenstromland) und im SO das Tafel- und Mittelgebirgsland Patagoniens
Klima: Im N subtropisches, warm-gemäigtes Klima, im S kühl-gemäßigtes Klima
Hauptflüsse: Paraná, Uruguay, Rio Negro, Salado, Colorado
Höchster Punkt: Aconcagua 6.960 m
Tiefster Punkt: Valdés-Halbinsel -40m
Regierungsform: Präsidiale Republik
Staatsoberhaupt: Staatspräsident
Regierungschef: Ministerpräsident
Verwaltung: 22 Provinzen, Bundesdistrikt Buenos Aires, Nationalterritorium Feuerland
Parlament: Zweikammerparlament mit Senat (72 Mitglieder) und Abgeordnetenhaus (257 Abgeordnete)
Nationalfeiertag: 25. Mai
Einwohner: 36.577.000 (1999); 39.537.943 (geschätzt Juli 2005)
Bevölkerungsdichte: 13 Ew./km² (1999)
Stadtbevölkerung: 89% (1999)
Sprache: Spanisch
Religion: Katholiken 92%

Argentinien gehört zu jenen Ländern dieser Erde, die einen in ihren Bann ziehen, hat man sie einmal betreten. Ein Land, das einen überwältigt durch seine unermessliche Weite, durch die vielfältigen und kontrastreichen Landschaften und durch die Fülle einzigartiger Naturschönheiten, die von den Wasserfällen im tropischen Norden bis zu den Gletschern in antarktischer Kälte reichen. Ein Land, das dazu herausfordert, kennengelernt zu werden.
Argentinien ist nach Brasilien das größte Land Lateinamerikas. Hinzu kommen ein Teil der Antarktis, die Südantillen, sowie die Islas Malvinas (Falklandinseln), die der Staat als nationale Territorien für sich beansprucht, obwohl Argentinien 1982 den Krieg um die Inseln gegen Großbritannien verlor.

Argentinien hat die Gestalt eines langgezogenen Dreiecks, das im Norden an Bolivien und Paraguay stößt. Im Nordosten bildet der Rio Uruguay den größten Teil der Grenze zu Brasilien und Uruguay, im Osten hingegen liegt die endlos erscheinende Atlantikküste und im Westen die massive, imposante Kordillere der Anden - jene ganz Lateinamerika durchziehende Bergkette, die Argentinien von Chile trennt und deren höchster Gipfel - der Aconcagua (6960 m)- in der argentinischen Provinz Mendoza liegt. Der Süden des Landes wird von der großen Kälte am "Ende der Welt" bestimmt.
Hier, am entlegendsten Punkt des Landes, wird das spanische Wort SUR, der Süden, zum Synonym eines argentinischen Lebensgefühls tiefer Melancholie, genährt von der Sehnsucht nach absoluter Stille, Klarsicht und Wahrheit. Eine Sehnsucht, Traum und Alptraum zugleich, die in Argentiniens zeitgenössischer Literatur, in den großen Werken von Jorge Luis Borges (1899-1986) oder Ernesto Sábato (* 1911), ebenso ihren Ausdruck findet wie in der ursprünglichen Form des Tangos - dem traurigen Gedanken, den man tanzen kann.
Kaum weniger präsent im kollektiven Bewusstsein ist der Mythos von der Freiheit der Gauchos. Ihn spiegeln eine Reihe großer Epen kritisch wider, unter denen "El gaucho Martín Fierro" von José Hernández (1834-1886) das außerhalb Lateinamerikas bekannteste ist. Es gibt gewisse Parallelen zum nordamerikanischen Mythos des Cowboys und des "Wilden Westens".
Zwar käme wohl niemand auf die Idee, die Western für amerikanische Realität zu halten; seltsamerweise ist jedoch der sogenannte Pampa-Staat mit den Gauchos in ihren malerischen Festtagstrachten und den riesigen Rinderherden eines der zähesten Klischees, das an Argentinien haften geblieben ist. Dabei gibt es auch in Argentinien die für südamerikanische Länder typische Vorherrschaft der Stadt über das Land. Nahezu vier Fünftel der Bevölkerung lebt in Städten, zum Großteil in der Hauptstadt Buenos Aires - Weltmetropole und Zentrum des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens von Argentinien.

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Buenos Aires
2.776.138 Einw. (2005)

Die Städte
Auf Spuren hoffnungsloser Lebensumstände wird der Besucher überall im Lande stoßen, besonders dann, wenn er sich abseits der organisierten Reiserouten bewegt. Er wird aber auch von der Schönheit und Vielfalt Argentiniens beeindruckt sein, wenn er sich aufmacht, neben den bekannten großen Badeorten der Atlantikküste, wie Mar del Plata und Necochea, die Groß- und Kleinstädte zu entdecken, die zwischen der 1882 gegründeten Hauptstadt der Provinz Buenos Aires im Norden, La Plata, und der 1871 von Engländern gegründeten Hauptstadt Feuerlands im Süden liegen. Ushuaia, die südlichste Stadt der Erde, ist heute ein vom internationalen Tourismus erfasstes Reiseziel und Ausgangspunkt für Fahrten in die antarktischen Gewässer.

Die Städte des Nordens sind vielfach um Jahrhunderte älter als die des Südens und weisen durch großzügige, in ihrer Harmonie bestechende koloniale Bauten auf Zeiten einstiger wirtschaftlicher und kultureller Blüte hin, auch wenn etwa das 1565 gegründete San Miguel de Tucumán heute sichtbar durch das Elend der erzwungenen Zuckerrohr-Monokultur gezeichnet ist oder drei der bezauberndsten alten Städte, nämlich Mendoza, das Zentrum des argentinischen Weinbaus, La Rioja und San Juan, mehrfach durch verheerende Erdbenen zerstört wurden.
Eine der besten Möglichkeiten, den Norden kennenzulernen, bietet Córdoba, 1573 genau dort gegründet, wo die Maultierkarawanen nordwärts zu den sagenhaften Schätzen des einstigen Inkareiches aufbrachen und wohin sie zurückkehrten. Córdoba, in geographischer wie politischer Hinsicht das "Herz der Republik", ist die älteste und auch eine der berühmtesten Universitätsstädte Lateinamerikas und auch kulturelles und wirtschaftliches Zentrum, das weit über die gleichnamige Provinz hinausstrahlt. Von hier blickt man allerorts auf die "Blauen Berge", eine Touristenregion mit langer Tradition. Inmitten der kolonialen Altstadt Córdobas steht die von Jesuiten erbaute berühmte Kathedrale mit erkennbar indianischen Einflüssen. Spuren jener Kulturen, die die Jesuiten zu fördern und vor der Vernichtung zu schützen versuchten, findet man im Norden fast überall.

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Die Menschen

Argentinien gilt neben Uruguay als "weißestes" Land Südamerikas. Etwa 94% der heutigen Bevölkerung sind Nachfahren der Konquistadoren sowie späterer Einwanderungsströme aus allen europäischen Staaten, hauptsächlich jedoch aus Spanien und Italien.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten in Argentinien - vorwiegend in den inneren Landesteilen und der nordwestlichen Provinz - nur rund 500.000 Menschen, zumeist Spanier, Indianer und Mestizen. Doch mit dieser geringen Bevölkerungszahl war ein Land mit den gewaltigen Ausmaßen, wie Argentinien sie besitzt, nicht zu erschließen. Deshalb wurden schon bald nach der Staatsgründung (1810) Einwanderungsgesetze erlassen, die seit 1860, in Folge der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Europa, Argentinien zu einem beliebten Einwanderungsland werden ließen. Es war aber auch eine Epoche, in der die "Weißen" gegen die "Barbaren" (Indios und Mestizen) offene Kriege führten. In den Nordprovinzen hat eine winzige Minderheit von heute schätzungsweise 30.000 Ureinwohnern die Vernichtung überlebt. Die kämpferischen Indio-Völker der Pampa, Patagoniens und Feuerlands, an die neben vielen Ortsnamen nur noch die Museen erinnern, fielen Mitte des vorigen Jahrhunderts einem letzten Ausrottungsfeldzug zum Opfer.

Patagonien

Der hohe Anteil europäisch-mediterraner Völker sowie die spanische Mission der Kolonialzeit haben dazu geführt, dass heute über 90% der Bevölkerung der römisch-katholischen Kirche angehören. Die aus der Kolonialzeit übernommene Gesellschaftsstruktur lässt immer wieder starke soziale Spannungen entstehen.
Obwohl Argentinien einst den Ruf besaß, ein Land des schnellen Aufstiegs und Reichtums zu sein, sind die Gegensätze zwischen reich und arm immer deutlich spürbare Realität gewesen, kaum weniger auf dem Lande als in den Städten.

Einer kleinen Schicht von reichen Großgrundbesitzern steht auf dem Lande die Masse der Kleinbauern, Pächter und Landarbeiter gegenüber. In der Stadt gibt es neben einer dünnen Ober- und Mittelschicht eine wachsende Arbeiterklasse. In den Städten, wo heute rund 80% der Bevölkerung leben, hat es schon immer Armenviertel gegeben. Doch nur wenige Argentinier konnten sich vorstellen, dass die Zahl der "villas miserias", der nach dem Sturz Peróns 1955 entstandenen großstädtischen Elendssiedlungen, solche Ausmaße annehmen würde und dass die dort bereits in den 1970er Jahren in Nachbarschaftshilfe organisierten "ollas populares" (Volksküchen) heute nicht einmal mehr für die dort lebenden Kinder ausreichen. Die Zahl der Menschen, die an der Grenze des Existenzminimums lebt, ist in erschreckendem Maße gestiegen. Seit dem Jahr 1989 werden für die Ärmsten unter ihnen kostenlose Lebensmittel ausgeteilt, um neuen Hungeraufständen vorzubeugen.

Geschichte

Die frühesten Nachrichten über Argentinien stammen aus dem Jahre 1515, als der Spanier Juan Díaz de Solís die Mündung des Río de la Plata erreichte. Der vermutete Silberreichtum gab dem Land seinen Namen. Von der Küste aus eroberten die Spanier gegen den Widerstand der hier lebenden Indianer allmählich das Hinterland. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts gehörte das heutige Gebiet Argentiniens zum Vizekönigreich Peru und wurde 1776 mit den anderen Gebieten am Río de la Plata zu einem eigenen Vizekönigtum zusammengefasst.

Unabhängigkeit und Machtkämpfe
Als Spanien 1808 von Napoleon besetzt wurde, erhob sich die kreolische Bevölkerung von Buenos Aires gegen die spanischen Kolonialherren. Aus der Reihe großer Freiheitshelden jener Epoche ragt General José de San Martín (1778-1850) hervor. Er war der Überzeugung, dass Lateinamerika nur als Konföderation von Bruderstaaten künftig wirklich frei sein könne. Gemeinsam mit General O'Higgins, dem Befreier Chiles, schlug er die Spanier. 1816 wurden die unabhängigen "Vereinigten Provinzen des Río de la Plata" errichtet. Damit begannen die Machtkämpfe zwischen den Unitariern, die das Land unter die Zentralgewalt von Buenos Aires zwingen wollten, und den Föderalisten, die für die Autonomie der Provinzen eintraten. Paraguay schied aus dem Staatenbund aus, und Uruguay erreichte 1828 die Unabhängigkeit. Die verbliebenen La-Plata-Gebiete bildeten eine Konföderation, doch hielten die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten wie der Bürgerkrieg im Lande an.
Aus dieser Zeit stammt auch jene verhängnisvolle Schwarz-Weiß-Ideologie (Schwarz = Barbarei, Weiß = Zivilisation), die seither unter wechselnden Begriffen immer wieder als Freibrief und Deckmantel gedient hat, um bestimmte Gruppen zu verfolgen und zu töten. Einer der geistigen Urheber, Domingo Faustino Sarmi-ento (1811-1888), vielzitierter Autor, zwischen 1868 und 1874 Staatspräsident und Begründer des argentinischen Schul- und Bildungssystems, war wie kein anderer Repräsentant des "weißen" Argentinien. Sein Werk ist voll schrecklicher Hassausbrüche gegen das angeblich minderwertige Volk der Farbigen, insbesondere gegen die Gauchos. Die Pogrome gegen die Indiovölker und die ersten Einwanderungswellen aus Europa hatten das Ziel, das damalige argentinische Volk durch "zivilisierte Weiße" zu ersetzen.
Der 1880 gewählte General Roca beendete den Konflikt zwischen Unitariern und Föderalisten und wandelte Argentinien in einen Einheitsstaat um. Die wirtschaftliche Entwicklung wurde vorangetrieben, und es bildete sich eine reiche Schicht von Großgrundbesitzern und Kaufleuten aus.

Juan Domingo Perón
Nach häufigen Regierungswechseln putschten 1943 einige sozialrevolutionäre Generäle, unter ihnen Juan Domingo Perón (1895-1974), der Arbeitsminister der rechtsextremen Militärregierung wurde. 1946 erstmals zum Staatspräsidenten gewählt, bleibt die Einschätzung seiner Person sowie seiner beiden Amtsperioden (1946-1955, 1973-1974) in Argentinien extrem kontrovers und zwiespältig. Perón gründete die Gerechtigkeitspartei (Partido Justicialista) und suchte einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, um Argentiniens wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen und dem Land eine Führungsrolle in Südamerika zu verschaffen. Er suchte den Ausgleich zwischen den sozialen Schichten und schuf die hierarchischen Strukturen der Gewerkschaften, die zur stärksten Stütze seines Regimes wurden. Seine vom italienischen Faschismus beeinflusste Ideologie und Herrschaftspraxis war autoritär, antiparlamentarisch, nationalistisch und populistisch. Perón wäre wohl kaum zu dieser mythischen Gestalt geworden ohne seine zweite Ehefrau Eva ("Evita") Duarte (1919-1952), einer einflussreichen, schönen Frau, die als sein soziales Gewissen gilt. Sie wird noch heute von der Masse der Armen leidenschaftlich verehrt. Nach ihrem Tod wandelte sich Perón vom Diktator zum Despoten und wurde 1955 vom Militär mit Unterstützung der Kirche gestürzt.
Schnell wechselnde Militär- und Zivilregierungen bemühten sich vergeblich, der keineswegs nachlassenden Popularität Peróns entgegenzuwirken. Nach Wiederzulassung der Parteien gewannen die Peronisten 1973 die Wahl. Perón kehrte aus 18jährigem Exil nach Argentinien zurück und wurde erneut zum Staatspräsidenten gewählt. Doch weder er noch seine Frau lsabel Perón (* 1931), die nach seinem Tod die Präsidentschaft übernahm, konnten an vergangene Zeiten anknüpfen. Der blutige Bruderkrieg, den die Peronisten des rechten gegen die des demokratischen und linken Flügels entfesselten, nahm mörderische Ausmaße an und eskalierte, als die Militärjunta unter Führung Jorge Rafael Videlas (* 1925) lsabel Perón 1976 stürzte und ihren blutigen "Schmutzigen Krieg" gegen das eigene Volk begann. Die Niederlage im Krieg um die Malvinas/Falklandinseln gegen Großbritannien zwang sie dann 1982 zum Kurswechsel.
Raúl Alfonsin ( *1926), ein Mann mit klaren ethischen und demokratischen Zielen, gewann 1983 die Präsidentschaftswahlen und setzte -erstmals in Lateinamerika - durch, dass sich die Führer des "Schmutzigen Krieges" wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit vor Gericht verantworten mussten. Doch bereits 1986 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, mit dem ein Schlussstrich unter die Strafverfolgungen gezogen wurde.

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Der Staat

Argentinien, das vor gut einem halben Jahrhundert noch zu den fortgeschrittensten und reichsten Ländern der Erde gehörte, lebte seit dem Ende der jüngsten Militärdiktatur (1976-1983) unter dem Trauma einer sich rasant verschärfenden wirtschaftlichen und sozialen Krise. Ihre Tiefe spiegelte sich in den ersten großen Massenunruhen des Jahres 1989 und in einer Inflation wider, die Ende 1989 schwindelerregende 5000 % erreichte. Diese das Alltagsleben in unvorstellbarer Weise beherrschenden Entwicklungen ließen fast vergessen, daß die "República Argentina" nicht mehr unter Militärherrschaft stand - und das ist in der Geschichte Argentiniens eine Ausnahme.
Es ist nicht die Regel, dass aufgrund demokratischer Wahlen Volksvertreter, wie jetzt bereits seit 1983, in den zwei Kammern des Nationalkongresses von Buenos Aires das Hausrecht haben und dass die 22 Provinzen, die innerhalb der föderativen Staatsstruktur autonom sind, von gewählten Gouverneuren, Senatoren sowie Abgeordneten regiert bzw. repräsentiert werden. Seit der Unabhängigkeitserklärung 1810 gab es nur wenige zivile Regierungschefs, die nicht durch einen Militärputsch gestürzt worden sind. Die argentinische Nationalhymne, die mit den Worten beginnt: "Hört Sterbliche, den heiligen Schrei: Freiheit....", ist oft genug ein Widerstandslied gewesen. So war es auch unter dem letzten Militärregime, das eines der schrecklichsten war.

Rückkehr zur Demokratie
Nach 61 Jahren war Raúl Alfonsin (* 1927 † 21.3.2009) der erste gewählte Staatspräsident, der in der Casa Rosada, dem Regierungssitz, am 8. Juli 1989 die Amtsgeschäfte einem gewählten Nachfolger übergeben konnte. Alfonsin gehört zum linken Flügel der traditionsreichen, im vorigen Jahrhundert begründeten "Unión Civica Radical" (Radikale Bürgerunion). Der ihm nachfolgende Carlos Saúl Menem (* 1935) ist Peronist; Führungsmitglied der 1945 von General Juan Domingo Perón (1895-1974) ins Leben gerufenen Gerechtigkeitspartei ("Partido Justicialista"). Als Politiker war Menem in dreifacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: durch seine syrische, sunnitische Abstammung, seine politische Karriere, die er nicht in Buenos Aires machte, und durch seine Haft als politischer Gefangener. Nach einem Jurastudium an der berühmten Universität von Córdoba wurde ihm nach dem Sturz Peróns 1955 jegliche politische Tätigkeit verboten. In dieser Zeit vertrat er verfolgte Parteigenossen als Rechtsanwalt. In der Ära des "peronistischen Frühlings" 1973 wählte ihn eine überwältigende Mehrheit seiner Heimatprovinz, La Rioja, zum Gouverneur; wie auch 1983, nach fünf Jahren Gefängnis und schwerer Folterungen unter der Diktatur.
Als Präsidentschaftskandidat führte er einen demagogisch messianischen, auch innerhalb der eigenen Partei umstrittenen Wahlkampf. In seiner Rede an die Nation anlässlich der Amtseinführung beschwor Menem die nationale Versöhnung.

Versöhnung mit dem Militär
Allerdings widerrief Menem bereits mit dieser Ansprache wesentliche Zusagen, die ihm zum Wahlsieg verholfen hatten. Neben der ultraliberalen wirtschaftlichen "Schocktherapie", die zunächst kaum positive Resultate hervorbrachte, traf seine "Versöhnungspolitik" auf breitesten Widerstand.
Tiefe Erbitterung rief seine "Versöhnung mit dem Militär" hervor: Die Amnestie, mit der er im Oktober 1989 neben ranghohen Offizieren, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt waren, auch die Anführer der militärischen Putschversuche gegen seinen Amtsvorgänger begnadigte, wurde von vielen seiner Landsleute nicht verstanden. Diese Amnestie wurde jedoch in ultrakonservativen Militär-, Kirchen- und Wirtschaftskreisen als staatsmännischer Akt und als eine Geste des persönlichen Großmutes gewürdigt und war aus gewisser Sicht die Fortsetzung einer bereits unter dem von mehreren Staatsstreich- und Attentatsversuchen zermürbten Staatspräsidenten Alfonsin begonnenen Politik.
Hunderttausende folgten jedoch den Demonstrationsaufrufen der acht großen Menschenrechtsbewegungen, unter ihnen die weltweit ob ihres Mutes bewunderten "Mütter der Plaza de Mayo", die Gruppe "Gerechtigkeit und Frieden" des 1980 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Bürgerrechtlers Adolfo Péres Esquivel und jene Kommission, die ab 1983 unter Leitung des Schriftstellers Ernesto Sábato das Schicksal von über 30.000 Menschen untersuchte, die unter der Diktatur spurlos verschwunden sind.
Im Verlauf der 1990er Jahr normalisierte sich die innenpolitische Lage allmählich. Dank eines ansehnlichen Wirtschaftswachstums und einer erheblich gesunkenen Inflationsrate wurde Carlos Menem 1995 erneut zum Präsidenten gewählt. Nach zehnjähriger Amtszeit legte Menem im Dezember 1999 verfassungsgemäß sein Amt nieder. Zu seinem Nachfolger wurde der Kandidat des Wahlbündnisses "Alianza", Fernando de la Rúa, gewählt.

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»24. März 2006 -- vor 30 Jahren errichtete das Militär in Argentinien eine brutale Diktatur

[...] Die Militärs hatten zwei grundlegende Projekte, die sie mit aller Gewalt durchsetzten: Die physische Vernichtung der linken Opposition und die Durchsetzung eines ultraliberalen Wirtschaftsmodells im Interesse des Finanzkapitals und der internationalen Unternehmen. [...] Wirtschaftsminister der ersten Militärjunta wurde José Alfredo Martínez de Hoz. Am 2. April 1976, neun Tage nach dem Putsch, verkündete er sein Wirtschaftsprogramm, das genau das formulierte, was später unter dem Namen „Neoliberalismus“ weltweit zur Wirtschaftsdoktrin wurde. Kernpunkte seines Programms waren die Privatisierung öffentlicher Unternehmen sowie die besondere Förderung und Begünstigung ausländischer Investitionen. [...] Die Regierungen der meisten westlichen Staaten und der Sowjetunion unterhielten beste Beziehungen zur brutalsten Diktatur in der Geschichte Südamerikas. Dabei tat sich besonders die damals von SPD und FDP gestellte deutsche Bundesregierung hervor. Während die US-Regierung unter Präsident Carter 1977 ein Waffenembargo gegen die Junta verhängte, genehmigte man in Bonn mehrere große Rüstungsgeschäfte, durch die bundesdeutsche Unternehmen zu den wichtigsten Waffenlieferanten der Diktatur wurden. Martínez de Hoz wurde bei seinem Besuch in der BRD als guter Freund empfangen und in Sachen Menschenrechte setzte der damalige Bundesaußenminister Genscher auf „stille Diplomatie“. Die war so unglaublich still, dass kein Wort der Kritik zu hören war. Selbst als BundesbürgerInnen wie der Münchener Student Klaus Zieschank oder die Tübinger Soziologin Elisabeth Käsemann „verschwanden“, gab es keine deutlichen Worte der Bundesregierung. Elisabeth Käsemann wurde am 9. März 1977 verschleppt, wenige Tage später entführten die Militärs auch ihre britische Freundin Diana Houston in Buenos Aires. Während die britische Regierung sofort energisch intervenierte, setzte das Auswärtige Amt auch hier auf „stille Diplomatie“. Diana Houston überlebte, Elisabeth Käsemann wurde am 23. Mai 1977, zehn Wochen nach ihrer Verschleppung, ermordet. [...]«

Aus: ila-bonn.de, Massenmord für liberale Wirtschaftspolitik, 2006

Siehe auch:
ila-web.de, Gaby Weber, Ford-gesetztes Unrecht:
»In der ila 229 und 230 hatten wir über das "Verschwinden" und die vermutliche Ermordung von mehreren Mitgliedern des unabhängigen Betriebsrates von Mercedes-Benz während der argentinischen Militärdiktatur und die diesbezügliche Strafanzeige gegen die Geschäftsleitung von Daimler-Chrysler berichtet (siehe Klage gegen Mercedes). Wie inzwischen deutlich wird, war die argentinische Mercedes-Niederlassung kein Einzelfall, auch andere Konzerne hatten keine Berührungsängste mit den Repressionsorganen von Diktaturen oder machten sich deren Strukturen zunutze. So sollen die Geschäftsleitungen von VW und Mercedes in Brasilien "in ähnliche Verbrechen verstrickt gewesen sein" (epd-entwicklungspolitik 1/2000). Auch die argentinische Ford-Niederlassung nutzte offensichtlich die Diktatur, um sich ihrer Betriebsräte zu entledigen.«

Juan Gelman, der wohl bekannteste zeitgenössische Poet Lateinamerikas, Guerillero und Widerstandskämpfer gegen die Diktatur: ila-web.de, Gaby Weber, So arbeitet die Hoffnung

gabyweber.com:
»[...] Die geraubten Babys von Mercedes Benz

Etwa 500 Babies wurden während der argentinischen Militärdiktatur in den Folterzentren geboren und betuchten Personen übergeben, schätzen die "Großmütter vom Maiplatz". Gefunden wurden bisher weniger als 90.
Es gab damals "Wartelisten", in die sich Adoptionswillige eintragen konnten, um in den Besitz eines in Campo de Mayo zur Welt gekommenen Babies zu gelangen. Und wo es eine Nachfrage gibt, muß das Angebot sicher gestellt sein.
Die Armee richtete in der Kaserne Campo de Mayo eine geheime Wöchnerinnen-Station ein, die Brutkästen lieferte Mercedes Benz Argentina (MBA), so der ehemalige Justiziar des Unternehmens, unter Eid. Eine Spende oder eine Investitition?
Tatsache ist, dass der Sicherheitschef von Mercedes Benz sich die Tochter einer Verschwundenen angeeignet und als seine eigene aufgezogen hat. In der Familie des Ex-Produktionschefs Juan Ronaldo Tasselkraut sind drei Kinder, inzwischen erwachsene Männer, die wahrscheinlich aus den Folterzentren stammen. Die Justiz ermittelt zu einem fünften Fall... [...]«
Gaby Weber, der vollständige Bericht: Autos aus dem Schwabenland, Babies aus der Folterkammer (pdf)

Deutschlandfunk (DLF) »Das Feature«, 5. Januar 2010, 19:15-20:00:
Im Wegschauen vereint - Wie west- und ostdeutsche Diplomaten den argentinischen Diktatoren halfen (Gaby Weber)

Entwicklungen ab 2008

»[...] Vor dem Hintergrund des nach wie vor schwelenden Konflikts um die Agrarpolitik und der Auswirkungen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise auf Argentinien war die seit Oktober 2007 amtierende Regierung von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner von der linksperonistischen Fraktion Frente para la Victoria (FV) erfolglos darum bemüht, den schleichenden Verlust ihrer parlamentarischen Mehrheit zu verhindern. Da die Kirchners die vorzogenen Wahlen zum Plebiszit ihrer Politik machten, wog die verheerende Niederlage am 28.6.2009 umso schwerer. [...]

Vorgezogene Parlamentswahlen: Seit Juli 2008 kündigte eine zunehmende Anzahl von Abgeordneten und Senatoren der Regierungskoalition, die von Kirchner-Fraktion innerhalb der peronistischen Partei (Partido Justicialista/PJ) angeführt wird, der Regierungschefin die Gefolgschaft auf. Es bildeten sich zwei neue oppositionelle Bündnisse, eines um die sozialdemokratisch ausgerichtete Unión Cívica Radical, ein zweites um die Propuesta Republicana (PRO), gegründet vom Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macri. Auch innerhalb der PJ formierte sich um den Medienunternehmer Francisco de Narvaéz und den Senator und Ex-Formel-1-Fahrer Carlos Reutemann der Widerstand gegen den konfrontativen Regierungsstil Kirchners. Indiz für die bröckelnde Machtbasis der Präsidentin war zudem der überraschende Rücktritt des Kabinettschefs Alberto Fernández am 23.7.2008 sowie Niederlagen der Regierungspartei bei Regionalwahlen [...] In Anbetracht dieser Situation und um der zersplitterten Opposition nur wenig Zeit für eine Bündnisbildung zu lassen, war die Präsidentin darum bemüht, eine Vorverlegung der für den 25.10.2009 anberaumten Parlamentswahlen zu erreichen. Der Kongress stimmte dieser Initiative Ende März 2009 zu und legte als neuen Wahltermin den 28.6.2009 fest.
Am 28.6.2009 verlor der linke Kirchner-Flügel die Mehrheit in beiden Häusern. Zusammen mit ihren Verbündeten werden sie im neuen Abgeordnetenhaus nur noch über 113 Sitze verfügen. Größter Gewinner war der Acuerdo Cívico, gefolgt von Macris PRO und den dissidenten Peronisten unter de Narvaéz. In der wichtigen Provinz Buenos Aires unterlag Es-Präsident Néstor Kirchner de Narvaéz. Die beiden Kontrahenten hatten sich hier um einen Parlamentssitz bemüht.

"Agrarnotstand": [...] Mit einer staatsinterventionistisch orientierten Wirtschafts- und Agrarpolitik haben Präsidentin Kirchner und ihr Mann Néstor, ihr direkter Vorgänger im Präsidentenamt, in den letzten Jahren versucht, die Inlandspreise für Grundnahrungsmittel künstlich niedrig zu halten. Die zu diesem Zweck erlassenen Exportbeschränkungen bzw. -steuern sowie andere Eingriffe zur Preisregulierung verringerten die Rentabilität der Agrarproduktion erheblich. Der Widerstand der Agrarverbände gegen diese Politik, der schon 2008 zu monatelangen Protestaktionen, Streiks und Blockaden der Bauern geführt hatte, flammte Anfang 2009 erneut auf. Hinzu kam nun die Verärgerung der Bauern über die Untätigkeit der Regierung gegenüber den erheblich verschlechterten Bedingungen im Agrarsektor. Auf der einen Seite waren die Preise für Agrarrohstoffe auf dem Weltmarkt im Zuge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise stark gefallen, auf der anderen Seite hatte Argentinien mit der schwersten Dürreperiode seit Jahrzehnten zu kämpfen. Betroffen waren vor allem die landwirtschaftlich ertragreichsten Provinzen Buenos Aires, La Pampa, Córdoba, Santa Fé und Entre Ríos. Aufgrund des Rückgangs der Getreideproduktion um fast 20 Mio. t. und des Verlusts von 600.000 Rindern sah sich die Regierung am 26.1.2009 gezwungen, für zunächst sechs Monate einen "Notstand in Ackerbau und Viehzucht" auszurufen, der für die betroffenen Bauern allerdings lediglich einen Zahlungsaufschub für Steuern und Abgaben von einem Jahr vorsieht.
Anfang März schlossen die Agrarverbände ein Teilabkommen mit der Regierung, dessen Implementierung aber noch aussteht. Es sieht Erleichterungen für den Milch-, Fleisch- und Getreideexport vor, klammert aber die umstrittene Exportsteuer für Soja aus.

Aufarbeitung der Diktatur: Am 24.7.2008 wurden Ex-General Luciano Benjamín Menéndez, der während der Zeit der argentinischen Militärdiktatur rd. 60 geheime Folterzentren befehligt hatte, und Ex-Gouverneur Domingo Antonio Bussi wegen der Entführung, Folterung und Ermordung eines peronistischen Politikers im Jahr 1976 zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein weiterer Schritt in Richtung Demokratisierung des Militärs war die Entscheidung des Senats von Anfang August 2008, die Militärgerichtsbarkeit komplett abzuschaffen. Mitglieder der Streitkräfte müssen sich nun vor Zivilgerichten verantworten. [...]
Letzter Chef der argentinischen Militärjunta verurteilt
Am 21. April 2010 wurde Reynaldo Bignone (faktischer Staatschef von Juli 1982 bis zum Ende der Diktatur 1983) zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Der heute 82jährige Bignone war in den Jahren der Junta Kommandant der berüchtigten Kaserne Campo de Mayo, die eines der größten Folterzentren war. Zwei weitere Ex-Generäle wurden ebenfalls zu 25 Jahren Gefängnis, drei weitere Militärs zu 20, 18 und 17 Jahren verurteilt.
Holocaust-Leugner Williamson: Am 24.2.2009 verließ der umstrittene Bischof Richard Williamson von der erzkonservativen Piusbruderschaft Argentinien in Richtung Großbritannien, nachdem er von der Regierung in Buenos Aires zur Ausreise aufgefordert worden war. Zuvor hatte im die Piusbruderschaft die Leitung ihres Priesterseminars in La Reja bei Buenos Aires entzogen. Der Fall Williamson hatte weltweit Empörung ausgelöst, weil der Vatikan seine Exkommunikation und die von drei weiteren Bischöfen der im Verdacht des Antisemitismus stehenden Bruderschaft aufgehoben hatte, obgleich bekannt war, dass Williamson kurz zuvor in einem TV-Interview behauptet hatte, während der Nazi-Diktatur seien nur 200.000-300.000 Juden ums Leben gekommen und es habe keine Gaskammern gegeben. [...]«
Aus: Der Fischer Weltalmanach 2010: Zahlen Daten Fakten , S. 88 ff.

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Literatur

Alle Länder dieser Erde. Band 1, Sonderausgabe in 2 Bänden, Reader's Digest (Hg), Bertelsmann, Gütersloh/München, 2001, S.94 f.

Literatur aus unserem Buchladen:  ► Argentinien



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