Willkommen in Brasilien

world.muz-online.de -- Länderauswahl Südamerika -- spirit.muz-online.de
[Der Staat] [Soziale Gegensätze] [Geschichte] [Landesnatur] [Der Nordosten]
[Bevölkerung - Religion - Wirtschaft - Landwirtschaft]
[Literatur] [www-Links]


Offizieller Name: Föderative Republik Brasilien
Hauptstadt: Brasilia
Fläche: 8.547.403 km²
Landesnatur: Von N nach S folgen Bergland von Guyana, Armzonastiefland, Brasilianisches Bergland
Klima: Überwiegend tropisch, nur im S u. SO warmgemäßigt subtropisch, im Hochland mäßig feuchtes Klima
Hauptflüsse: Amazonas, São Francisco, Araguaia, Paranaíba, Tocanuns
Höchster Punkt: Pico da Neblina 3.014 m
Regierungsform: Bundesstaatliche präsidiale Republik
Staatsoberhaupt: Staatspräsident
Verwaltung: 26 Bundesstaaten und Bundesdistrikt der Hauptstadt
Parlament: Nationalkongress, bestehend aus Abgeordnetenhaus mit 513 für 4 Jahre gewählten Abgeordneten und Senat mit 81 Mitgliedern
Nationalfeiertag: 7. September
Einwohner: 167.988.000 (1999; ohne indianische Urwaldbevölkerung); 190.010.647 (geschätzt Juli 2007)
Bevölkerungsdichte: 20 Ew./km² (1999)
Stadtbevölkerung: 82% (1999)
Bevölkerung unter 15 Jahren: 29% (1999)
Analphabetenquote: 16% (1999)
Sprache: Portugiesisch, Indianersprachen
Religion: Katholiken 70%, Protestanten 19%
Importgüter: Erdöl und -produkte, Maschinen, chemische Produkte, Metalle, Weizen
Exportgüter: Kaffee, Sojabohnen, Zucker, Baumwolle, Tabak, Fleisch, Kakao, Holz, Eisenerz, Edelmetalle, Eisen, Stahl


Brasilien

Der Flug von der brasilianischen Amazonas-Metropole Manaus zu den Wasserfällen von Foz do Iguaçú im Dreiländereck Paraguay - Brasilien - Argentinien dauert mit einer Zwischenlandung acht Stunden. Die über 3000 km lange Reise führt über den endlos scheinenden Urwald, der von zahllosen blinkenden Wasserläufen durchfurcht wird, über schachbrettgemustertes Kulturland riesigen Ausmaßes, über endloses karges und bewaldetes Bergland, über Städte und Siedlungen.
Doch die Grenzen Brasiliens reichen weiter. Von Boa Vista im äußersten Norden bis Rio Grande ganz im Süden sind es 4300 km. Die West-Ost-Ausdehnung von Cruzeiro do Sul im westlichen Bundesstaat Acre bis Recife im östlichen Bundesstaat Pernambuco weist nahezu die gleiche Entfernung auf.
Vier Zeitzonen durchfliegt der Reisende von Osten nach Westen in diesem Land, das fast die Hälfte von Südamerika einnimmt. Brasilien ist das fünftgrößte Land der Erde.

Vom fernen Europa aus schrumpft das große Brasilien oft zu Traumbegriffen wie "Rio de Janeiro" oder "Grüne Hölle Amazonas" zusammen. Man denkt an temperamentvolle, wohlgestaltete Menschen in allen Hautfarben, an palmenbewachsene Traumstrände und an artistische Fußball-Künstler.
Alles und nichts stimmt. Recife, das "brasilianische Venedig", ist Eingangstor zum Nordosten, dem Armenhaus des Landes. Rio de Janeiro mit Zuckerhut und dem Strand von Copacabana ist zweifellos nach wie vor die touristische Attraktion Brasiliens. Doch in den Elendsvierteln, den "Favelas", nistet hunderttausendfaches Menschenelend.
Das Amazonastiefland, das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde, hat eine entscheidende Funktion für das Klima und das Ökosystem unseres Planeten. Wenn der Kahlschlag im gleichen Tempo weitergeht wie bisher, befürchten einige Wissenschaftler, dass in wenigen Jahrzehnten der Amazonasregenwald nicht mehr existieren wird. Die daraus resultierenden Folgen für unsere Erde könnten katastrophal sein. Indianervölker kämpfen ums Überleben; die Ausrottung einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt scheint vorprogrammiert.
Knappe 500 Jahre Geschichte mit europäischen Eroberern, mit Kaiserreich, Republik und Diktatur haben Land und Leute geprägt. In der Spannung der Gegensätze existieren Herrenhaus und Sklavenhütte jetzt wie einst, bröckelnde barocke Vergangenheit, goldstrotzende Kirchen und Paläste sowie stählerne Hochhausgiganten. Eine Hauptstadt mit visionären Weiten und Bauten, "Favelas", die sich wie Wundbrand um die großen Städte gelegt haben, verweisen auf die widersprüchliche Entwicklung Brasiliens. Menschen, die in unvorstellbarem Luxus leben, und Indianervölker in den unerschlossenen Weiten Amazoniens charakterisieren die Spannbreite der brasilianischen Gesellschaft.

nach oben

Der Staat

Ende 1989 wählten die Brasilianer erstmals nach 29 Jahren in Direktwahl einen neuen Staats- und Regierungschef, den liberalkonservativen Fernando Collor de Mello (* 1949).
1985 hatten die Militärs die Macht, die sie 1964 durch einen Staatsstreich erobert hatten, nach einer anwachsenden Protestwelle abgeben müssen. Der demokratische Neubeginn nach einer vierjährigen halbdemokratischen Übergangszeit unter dem zivilen Präsidenten José Sarney (* 1930) verlief schleppend. Im September 1988 wurde die neue Verfassung vom brasilianischen Kongress verabschiedet. Die 246 Artikel reichen von der Abschaffung der Todesstrafe und der Zensur bis zum Wahlrecht für 16jährige und erstmals für Analphabeten, vom Schwangerschaftsurlaub bis zum Streikrecht, der Ächtung der Folter und des Rassismus, der Verankerung des Umweltschutzes für viele Teile des Landes, einschließlich des gefährdeten Amazonastieflandes, und der Verstaatlichung des Bergbaus; sie deklarieren Brasilien zu einem liberalen und sozialen Rechtsstaat.
Die neue, 1997 letztmals geänderte Verfassung schränkt die Vollmachten des Präsidenten ein und stellt ihm ein gestärktes Parlament zur Seite. Allerdings haben die Streitkräfte noch viele Vorrechte und einen großen Einfluss bis hin zum Eingreifen bei Krisen. Der Präsident, dessen Amtsdauer vier Jahre beträgt, kann seit der Verfassungsänderung auch zweimal nacheinander gewählt werden. Ab 1995 ist Fernando Henrique Cardoso (* 1931) Staatschef. Als Finanzminister führte er die neue Landeswährung Real ein und trug dadurch erheblich zur Geldwertstabilität bei.
Ein großer, revolutionärer Wurf im Namen von Gerechtigkeit und Gleichheit ist die neue Verfassung nicht geworden. Zu viele Kompromisse mussten unter dem Einfluss der starken Militärs und der reichen Oberschicht gemacht werden. Die weit verbreitete Korruption sowie ein unbeweglicher, zentralistisch ausgerichteter Beamtenapparat haben bislang die notwendigen, tiefgreifende Reformen verhindert, die den abgrundtiefen Graben zwischen der herrschenden Oberschicht und den Massen der Armen zuschütten könnten.
Cardosos zweite und letzte Amtszeit endete am 31.12.2002. Seit dem 1. Januar 2003 ist Luiz Inácio Lula da Silva (Arbeiterpartei – PT) neuer Staatspräsident. Ziel seiner Regierung ist es, die wirtschaftliche Lage zu konsolidieren und auf dieser Basis Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der benachteiligten Schichten zu ergreifen.

Soziale Gegensätze
Geschichtlich gewachsene Unrechtsstrukturen und das Erbe der Militärs liegen schwer auf diesem Land. Das Regime verschuldete Brasilien mit ca. 115 Milliarden US-Dollar im Ausland, um den Wirtschaftsboom der 1970er Jahre zu finanzieren. Diese Schuldenlast beschnitt den ökonomischen Spielraum erheblich. Gleichermaßen gravierend sind die gesellschaftlichen und sozialen Probleme. Hierzu trägt zum einen das steile Entwicklungsgefälle vom industrialisierten Süden zum armen Nordosten bei, zum anderen belasten die ungleichen Besitzverhältnisse immer stärker den sozialen Frieden. 20% der Landeigentümer verfügen über 88% des nutzbaren Bodens.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt in Armut. Ein erheblicher Teil der Erwerbstätigen ist in der Schattenwirtschaft tätig. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt als Straßenhändler, Boten, Hausangestellte oder mit Gelegenheitsarbeiten. Viele Tausend Menschen werden insbesondere in den abgelegenen Regionen "an der so genannten Agrargrenze im Norden Brasiliens wo Regenwald gerodet wird, um Weideland oder Flächen für Sojaanbau zu gewinnen oder wo größere Bauvorhaben angekündigt sind" als Zwangsarbeiter bzw. moderne Sklaven gehalten ("die Sklavenarbeit ist die Basis für enorme Gewinnspannen in Exportsektoren wie der Rinder- und Holzwirtschaft, Soja-, Baumwoll- und Stahlproduktion" - siehe: "Augen auf: Hier herrscht Sklavenarbeit").

Die Säuglingssterblichkeit ist, speziell im Nordosten Brasiliens, sehr hoch: in besonders rückständigen Gebieten sterben von 1000 Neugeborenen 400 bereits im ersten Lebensjahr. Das Bildungsniveau der Menschen insgesamt ist zwar niedrig, doch durch ein Alphabetisierungsprogramm konnte die Analphabetenquote merklich gesenkt werden; sie liegt heute bei rund 16%. Obwohl Schulpflicht für alle Kinder von sieben bis fünfzehn Jahren besteht, können zehn Millionen Kinder aus ökonomischen Gründen nicht zur Schule gehen.
Auf der anderen Seite herrscht ungeheurer Reichtum: die modernsten, feinsten, teuersten Geschäfte in den Metropolen, elegant gekleidete Menschen in teuren Autos. In den großen Städten lebt ein internationales Publikum, brasilianische Künstler und Architekten genießen Weltruf. Die von Afrikanern und Indianern beeinflusste Volkskunst weist ein hohes Niveau auf, und die brasilianische Musik verweist auf die Lebensfreude der Menschen.
Die soziale Ungleichheit jedoch hat zu einer hohen Kriminalität in den Städten geführt. Landkonflikte, die zahlreiche Verletzte und Tote zur Folge haben, Kinderbanden, die selbst vor Mord nicht zurückschrecken, Streiks und Unruhen in den Industriezentren gehören zum Alltag. Mit diesen Gegensätzen lebt und leidet die brasilianische Gesellschaft.

nach oben

Geschichte

Die unterschiedlichen Auffassungen Spaniens und Portugals hinsichtlich der Aufteilung ihrer Herrschaftssphären in der "Neuen Welt" konnten 1494 im spanisch-portugiesischen Staatsvertrag von Tordesillas beigelegt werden. Die Kompromisslösung teilte die Erde durch eine 370 Seemeilen westlich der Kapverdischen Inseln liegende Meridianlinie in einen spanischen und einen portugiesischen Einflussbereich. Da der größte Teil Brasiliens östlich dieser Linie liegt, wurde Brasilien zur einzigen portugiesischen Kolonie in Südamerika.
Im Jahre 1500 landete Pedro Alvarez Cabral (1467-1528) an der brasilianischen Küste und nahm das Land gemäß dem Vertrag von Tordesillas für die portugiesische Krone in Besitz. Die neue Kolonie diente vor allem als Flottenstützpunkt. In begrenztem Maße nahm der Farbholz-Handel an Bedeutung zu; dem Baum mit dem tiefroten Holz - "pau brasil" auf portugiesisch - verdankt das Land seinen Namen.
Zum Schutze seiner Interessen vor französischen Übergriffen teilte der portugiesische König Johann III. (1502-1557) den bis dahin bekannten Küstenstreifen Brasiliens in fünfzehn Gebiete ("Kapitanate") auf, die er als erbliche Lehen an Adelige vergab. Die ersten Siedler begannen mit der Anlage von Zuckerrohrplantagen. Hierfür wurden riesige Urwaldflächen im Süden und Nordosten abgebrannt. Auf der Jagd nach Indianern als Arbeitssklaven stießen die Siedler weit ins Landesinnere vor. Doch der Arbeitskräftemangel auf den schnell wachsenden Landgütern konnte schließlich nur durch den Import von Sklaven aus Schwarzafrika gelöst werden. Zucker bildete bald die wirtschaftliche Grundlage der Kolonie.
In den Jahren 1580-1640 wurde Portugal in Personalunion vom spanischen König regiert. Damit war Brasilien während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) den Angriffen der spanischen Feinde ausgesetzt. Holland eroberte weite Teile des Nordostens. Erst nach der Kapitulation der Niederlande 1654 wurde deren Herrschaft in Nordostbrasilien beendet.
Nach dem Einmarsch napoleonischer Truppen in Portugal im Jahre 1807 flüchtete der portugiesische Hof nach Brasilien. 1815 erlangte Brasilien den Status eines Königreiches. Nach dem Sturz Napoleons war der Thron in Lissabon verwaist. Um die Monarchie zu retten, kehrte Johann VI. (1769-1826) nach Portugal zurück und setzte seinen Sohn Pedro (1798-1834) als Regenten ein. Als die portugiesische Ständeversammlung das südamerikanische Königreich wieder zur Kolonie machen wollte, sagte sich Pedro vom Mutterland los und erklärte am 7. September 1822 die Unabhängigkeit Brasiliens. Am 1. Dezember 1822 wurde er als Pedro I. zum Kaiser von Brasilien gekrönt. Wegen tiefgreifender Zerwürfnisse mit dem Parlament dankte er im Jahre 1831 zugunsten seines Sohnes ab, der 1840 zum Kaiser Pedro II. (1825-1890) gekrönt wurde.
Die Sklaverei war das größte innenpolitische Problem in seiner Regierungszeit. Zwar wurde 1850 der Sklavenhandel verboten, doch dauerte es noch achtunddreißig Jahre, bis die Sklaverei abgeschafft wurde. Diese Entscheidung rief den Widerstand der Großgrundbesitzer hervor, die dem Lager der Republikaner beitraten. Die Erhebung der Garnison von Rio de Janeiro am 15. November 1889 beendete die Monarchie.

Auf dem Weg zur Demokratie
Die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre brachte auch die vor allem vom Kaffee-Export abhängige brasilianische Wirtschaft an den Rand des Ruins. Mit der Machtübernahme Getúlio Vargas' (1883-1954) 1930 wurde der Einfluss der Großgrundbesitzer zurückgedrängt. Vargas, der ein autoritäres Regierungssystem errichtete, leitete eine Politik der nationalen Industrialisierung ein. Dieses Konzept beinhaltete auch Sozialreformen für die untersten Bevölkerungsschichten. Das diktatorische Regierungssystem rief zunehmend Unmut hervor und führte 1945 zum Sturz von Vargas. Er gelangte jedoch 1950 als gewählter Präsident - sein Vorgänger, General Eurico Dutra (1885-1974), hatte mit der Verfassung von 1946 die Grundlage für ein demokratisches Regierungssystem geschaffen - erneut an die Macht. Unter massivem politischem Druck setzte er seinem Leben 1954 ein Ende.
Nach einer kurzen Übergangszeit wurde Juscelino Kubitschek (1902-1976) 1956 Präsident. In seiner Regierungszeit (1956-1961) kam es zu beträchtlichen ausländischen Investitionen. Die ehrgeizige Entwicklungspolitik beschleunigte die Inflation und ging eindeutig auf Kosten der Armen.
Der nach einer kurzen Übergangsperiode gewählte Nachfolger J. Goulart (1918-1976) hob durch einen Volksentscheid alle Gesetze auf, in denen auf Verlangen der Militärs die Befugnisse des Präsidenten eingeschränkt worden waren. Als er versuchte, eine Landreform durchzusetzen und die Erdölraffinerien zu verstaatlichen, putschten 1964 die Militärs, die das Land über Jahre hinweg terrorisierten. Angesichts zunehmender Inflation, hoher Staatsverschuldung und einer erstarkenden Opposition zogen sich die Militärs 1985 freiwillig von der Regierungsgewalt zurück.

nach oben

Landesnatur

Brasilien nimmt fast die Hälfte der Fläche von Südamerika ein. Es lässt sich nach Bau und Oberflächenformen in drei Großlandschaften unterteilen: Am nördlichen Rand des Amazonasbeckens steigen weite Plateaus und isolierte Tafelberge auf, die sich nach Französisch-Guyana, Suriname, Guyana und Venezuela fortsetzen. Das Bergland von Guyana gehört zum geologisch ältesten Teil Südamerikas und ist bis 3000 m hoch. In der Serra Imeri liegt Brasiliens höchster Berg, der 3014 m hohe Pico da Neblina.

Dort, wo das Bergland im Süden schroff abbricht, öffnet sich das größte tropische Tiefland der Erde, das Amazonastiefland. Es umfasst etwa 3,6 Millionen km², von denen auf Brasilien ein Anteil von nahezu 2,4 Millionen km² entfällt. Im Erdaltertum war das riesige Gebiet eine nach Westen, zum Urpazifik hin, offene Meeresbucht. Erst seit der Erdneuzeit, die vor 65 Millionen Jahren begann, füllte sich die Bucht nach Aufwerfung der Anden zu einem gewaltigen Binnensee. Die Abflussbewegung, durch die sich der See langsam einen Abgang zum Atlantik verschaffte, formte das Amazonasbecken.

Die dritte Großlandschaft Brasiliens, das Brasilianische Bergland, steigt langsam vom Südrand des Amazonasbeckens auf und reicht bis in den Süden des Landes. Es ist ein sehr altes Massiv, die flache Aufwölbung des brasilianischen Schilds, der als Urkontinent den ältesten Bauteil Südamerikas darstellt. Obwohl das Brasilianische Bergland geologisch eine Einheit darstellt, haben sich doch sehr verschiedene Landschaftsformen herausgebildet. Das Bergland lässt sich in vier Regionen untergliedern: den Nordosten, den Mittelwesten, Südostbrasilien und Südbrasilien.
Nordostbrasilien ist der Oberflächengestaltung nach überwiegend ein flachwelliges Hochland von durchschnittlich 400 bis 800 m Höhe. Das Bergland fällt nach Osten hin steil zu einer bis zu 80 km breiten Küstenebene ab. Einzelne Berggruppen stoßen zum Atlantischen Ozean vor, so z. B. der Zuckerhut und der Corcovado in der Bucht von Rio de Janeiro. Im Mittelwesten, im Süden des Bundesstaates Mato Grosso, fallen die Gesteinsschichten gegen den Paraná ein und bilden eine Folge von nordsüdlich verlaufenden, steil nach Westen gerichteten Schichtstufen. Östlich des Flusses Paraguay liegt das Tiefland des Pantanal - eine etwa 100.000 km² große Schwemmlandebene, die sich während der Hochwasserzeit in eine Sumpflandschaft mit Tausenden von kleinen Seen verwandelt, die dem Erscheinungsbild nach nicht mehr zum Brasilianischen Bergland gehört, geologisch betrachtet jedoch nur eine Absenkung desselben darstellt. Im Süden endet das Brasilianische Bergland in Rio Grande do Sul mit einem großen nach Süden gerichteten Steilabfall des bis 600 m mächtigen Basaltplateaus.

Klima
Seine gesonderte Stellung verdankt der Süden seinem Klima, das nicht mehr tropisch, sondern warmgemäßigt-subtropisch ist und im Hochland bereits häufige Schneefälle aufweist. Im restlichen Teil des Landes herrscht überwiegend tropisches Klima mit relativ konstanten Jahresdurchschnittstemperaturen von mehr als 20°C. Im Amazonastiefland mit seinem Äquatorialklima fallen das ganze Jahr über an mehr als 200 Tagen Niederschläge. Hohe Luftfeuchtigkeit - über 90% - und Temperaturen zwischen 25°C und 27°C sind hier typisch.
Während die Ostküste durch den Südostpassat ganzjährig Niederschläge erhält, fallen jenseits der Küstengebirge im Regenschatten und im Binnenland der Nordküste nur geringe Regenmengen von 600 bis 800 mm im Jahr bei mehrmaligen Trockenzeiten. Im Nordosten Brasiliens konnte sich so das Trockengebiet des "Sertão" entwickeln. Hier und im Mato Grosso werden zeitweise Temperaturen bis zu 40°C gemessen.

Vegetation
Nahezu das gesamte Amazonasbecken und ein Teil der Ostküste sind mit immergrünem tropischen Regenwald bedeckt. Im Westen Zentralbrasiliens schließt sich eine Zone mit laubabwerfendem Feuchtwald an, die in die feucht-savannenähnlichen "Campos cerrados" mit Gesträuch und lederblättrigen Bäumen sowie in Grasfluren übergeht. Die früher im Süden und Südosten verbreiteten Nadelbäume sind durch Raubbau nahezu vernichtet. Für den östlichen Teil Zentralbrasiliens ist die "Caatinga" mit teilweise dornigen Bäumen, Dornensträuchern und Sukkulenten typisch. Im extrem wasserarmen Nordosten hat sich der "Sertão" ausgebreitet, eine überwiegend mit Sukkulenten bewachsene Halbwüste. Die Küste ist teilweise von Mangroven bestanden.

Aus: www.sueddeutsche.de

Die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes geht so schnell voran wie nie zuvor.

»[...] Zwischen August und Dezember 2007 seien bis zu siebentausend Quadratkilometer Wald geschlagen worden, teilte das Umweltministerium mit. Das entspricht etwa der Hälfte der Waldfläche der Schweiz. Die Zerstörung sei viermal so hoch wie im Vergleichszeitraum 2004. Etwa ein Fünftel des Urwalds im Amazonas-Becken ist bereits vernichtet.[...]
Die Rodungen in Brasilien gehen schneller voran als bislang gedacht.[...]
Danach kommen die Rinderherden, die den Rest der Vegetation abfressen, anschließend Landwirtschaft, zumeist Zuckerrohr für die Ethanolproduktion und Soja.[...]
Seit 1970 hat der Amazonas 700.000 Quadratkilometer Wald verloren. Das entspricht nahezu der zweifachen Fläche Deutschlands.[...]«

Siehe auch www.tagesschau.de: Dramatische Zerstörung des brasilianischen Regenwalds - Achse des Bösen am Amazonas

Bild Rettet den Regenwald e.V.

Mehr Informationen zur Amazonas-Region bei  muz-online.de: Amazonas
nach oben

Der Nordosten

Der Nordosten Brasiliens, das größte Problemgebiet des Landes, umfasst ein Gebiet von rund 2,6 Millionen km². Neun der 23 Bundesstaaten gehören zum Nordosten, rund ein Drittel der brasilianischen Bevölkerung lebt hier. Doch viele Nordestinos, die zu einem großen Teil kaum lesen und schreiben können, sterben bereits vor dem Erreichen des 50. Lebensjahres. Die Region hat sowohl die höchste Geburtenrate als auch die größte Kindersterblichkeit Brasiliens.
Der Nordosten gliedert sich in zwei sehr gegensätzliche Landschaftsräume. Der 240 km lange Küstengürtel erstreckt sich von Salvador im Süden bis nach Fortaleza im Norden. Das humide tropische Klima dieser Region wird durch atlantische Winde etwas gemildert. Hier gibt es einige der herrlichsten unberührten Strände der Erde, und seit Beginn der 1990er Jahre ist der Nordosten ein sich rasch entwickelndes internationales Touristenziel geworden.

Weiter im Inland werden die fruchtbaren roten Böden der Küstenebene intensiv landwirtschaftlich genutzt. Früher war Zuckerrohr die wichtigste Feldfrucht, dann wurden Kakao und Tabak vorherrschend. Allerdings wird in jüngster Zeit für die Ethanolproduktion wieder verstärkt Zuckerrohr angebaut.

Der Sertão
Hinter der Küste steigt das Land zu den Ausläufern des Brasilianischen Berglandes hin an, und das Bild des Überflusses wird von Trostlosigkeit und Trockenheit abgelöst. Dieser sogenannte "Sertão" umfasst einen großen Teil des Bundesstaates Bahia. Die Bevölkerung dieses Landstrichs lebt in großer Armut.
Der häufig von Dürreperioden heimgesuchte Sertão ist überwiegend von Trocken- und Dornwald bewachsen, der sogenannten Caatinga. Während der bis zu zwei Jahren andauernden Dürreperioden ist das Land vollkommen unfruchtbar. Menschen, Tiere und Pflanzen leiden unter der sengenden Sonne, Risse durchziehen den ausgetrockneten Boden. Verkrüppelte, blattlose Bäume, die häufig mit gefährlichen Dornen bewehrt sind, richten sich starr gegen den düsteren Himmel. Zwergsträucher scheinen sich auf der glühendheißen Erde zu ducken, um den Sonnenstrahlen zu entgehen. Nachts sinken die Temperaturen, und die Hitze des Tages wird durch unbarmherzige Kälte abgelöst.
Schließlich bringen wolkenbruchartige Regenfälle Erleichterung. Die Wassermassen strömen über die klaffenden Spalten hinweg, werden jedoch rasch von dem ausgedörrten Untergrund aufgesaugt. Die durstige Pflanzenwelt erwacht mit üppigem Grün zu neuem Leben, und Blumen erfüllen die Luft mit wohlriechenden Düften. Auch die Tierwelt lebt auf und nutzt diese Zeit der Wiedergeburt. Wildschweine, Hirsche, Tapire und Nandus (südamerikanische Straußenvögel), um nur einige zu nennen, kommen aus ihren Verstecken hervor und durchstreifen das Dickicht.

Die Bevölkerung
Obwohl holländische Plantagenbesitzer und Portugiesen Tausende schwarzer Sklaven in den Nordosten gebracht haben, leben heute in dieser Region weniger "mulattos" (Mischlinge mit schwarzen und weißen Vorfahren) als in den stärker verstädterten Gebieten Südbrasiliens. Die Menschen des Nordostens sind überwiegend Mischlinge portugiesischer und indianischer Abstammung. Dennoch hat der Staat Bahia, insbesondere die Hauptstadt Salvador, einen großen Anteil an schwarzer und mulattischer Bevölkerung. Mit seiner afrikanisch beeinflussten Kultur gehört Bahia zu den eindrucksvollsten Regionen Brasiliens.
Als "os flagelados" (die Geplagten) werden von den Brasilianern diejenigen bezeichnet, die dem Sertão ihren Lebensunterhalt abzutrotzen versuchen. In den günstigsten Zeiten halten die unermüdlichen Flagelados hagere Rinder und bauen solche Getreidearten an, die auch an den Ufern der unregelmäßig wasserführenden Flüsse gedeihen können.
Schließlich setzt die Dürre wieder ein. Die Vegetation verwelkt, und auch das letzte der armseligen Rinder verendet. Dann treibt es die Sertanejos südwärts. Solche Wanderungsbewegungen können Zehntausende von Menschen gleichzeitig erfassen. Diese hoffen darauf, sich möglicherweise in einer der großen Städte, zum Beispiel Rio de Janeiro oder São Paulo, niederlassen zu können und dort eine Anstellung in einer Fabrik oder im Baugewerbe zu finden. Doch die Neuankömmlinge werden nur allzuoft schamlos ausgebeutet, und sobald eine Dürreperiode zu Ende geht, kehren zahlreiche Sertanejos in "das von Gott vergessene Land" zurück.
Der Einfluss des Nordostens auf die brasilianische Kunst, Musik und Eiteratur ist nicht unerheblich. Neben Schriftstellern wie Jorge Amado (* 1912), dem Autor von "Gabriela wie Zimt und Nelken", kann sich Bahia auch rühmen, die Heimat zahlreicher ausgezeichneter brasilianischer Musiker zu sein, darunter Caetano Veloso, Gilberto Gil und Maria Bethania. Dem Sertão verdankt das wohl berühmteste brasilianische Buch seine Entstehung: "Os Sertães" von Euclides da Cunha (1866-1909). Diese auf tatsächlichen Ereignissen beruhende Erzählung über einen fehlgeschlagenen Bauernaufstand im Sertão der Jahrhundertwende gilt als eines der großen Nationalepen.

nach oben

Bevölkerung - Religion - Wirtschaft - Landwirtschaft

Die Menschen
Brasilien ist im Laufe seiner Geschichte zu einem wahren Schmelztiegel von Menschen unterschiedlichster Völker und Nationen geworden. Hier ist weltweit das bunteste Spektrum auf der Skala der menschlichen Hautfarben zu finden. In dem einwohnermäßig fünftgrößten Staat der Welt leben heute rund 190 Millionen Menschen. Der Anteil der einzelnen Bevölkerungsgruppen an der Gesamtbevölkerung setzt sich wie folgt zusammen: 53% sind Weiße, 22% Mulatten, 12% Mestizen, 11% Schwarze und 2% "Sonstige" (Indianer und Asiaten). Von der Altersstruktur seiner Bevölkerung her ist Brasilien als junges Land zu bezeichnen. Fast die Hälfte der Menschen ist jünger als zwanzig Jahre.

Die ursprünglichen Einwohner Brasiliens
Die ursprüngliche Bevölkerung Brasiliens ist von den Völkerkundlern noch nicht hinreichend erforscht. Es wird davon ausgegangen, dass die ersten Menschen, die Südamerika vor 15.000 Jahren erreichten, aus Asien kamen. Jäger und Sammler zogen etwa 8000 Jahre v. Chr. durch Amazonien, entlang der Flüsse und entlang der Südküste. Die ersten Zeugnisse von Sesshaftigkeit, Keramiken, stammen aus der Zeit 900 bis 500 v. Chr. Als die Portugiesen in Brasilien landeten, lebten die Ureinwohner an der Küste in kleinen Dorfgemeinschaften. Sie waren Jäger und trieben einfachen Ackerbau.

Das europäische Erbe
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts konnte der Arbeitskräftebedarf auf den riesigen Zuckerrohrplantagen nicht mehr durch versklavte Indianer gedeckt werden und der menschenverachtende Import von schwarzen Sklaven begann. Etwa vier bis fünf Millionen Afrikaner wurden bis 1850 zur Zwangsarbeit nach Brasilien verschifft.
Der Kampf der europäischen Mächte um die neuen Kolonien jenseits des Atlantik hat bis heute seine Spuren hinterlassen. Das Erbe der Niederländer, die im 17. Jahrhundert weite Teile des Nordostens eroberten, ist immer noch sichtbar im hohen Anteil blonder, blauäugiger Brasilianer, die im Kontrast zu den kaffeebraunen Nordestinos stehen. Die europäischen Einwandererströme des 19. und 20. Jahrhunderts machen sich vor allem in den südlichen Regionen Brasiliens bemerkbar. Diese Bundesstaaten werden überwiegend von Weißen bewohnt: Abkommen portugiesischer, italienischer und spanischer Einwanderer.
Im Süden finden sich aber auch deutsche Enklaven, Nachkömmlinge der deutschen Siedler und Flüchtlinge, die Mitte des 19. Jahrhunderts sowie vor und nach den Weltkriegen einwanderten. In den Bundesstaaten Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul pflegen bis heute die Deutsch-Brasilianer ihr kulturelles und sprachliches Erbe.
Der unterentwickelte Nordosten und Osten des Landes weist durch die Sklavennachkommen einen hohen Anteil von Schwarzen auf. Schwarze Menschen - Mulatten und Caboclos sowie Cafusos, Kinder von Schwarzen und Indianern - bilden vielfach die ländliche und städtische Unterschicht. Da es in Brasilien keine Rassentrennung gab, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine starke Mischlingsbevölkerung. Es gibt zwar - offiziell - keine Rassendiskriminierung, dennoch gilt die Faustregel: Je dunkler die Hautfarbe, desto geringer sind in der Regel Einkommen, Bildungsgrad und Lebenserwartung. So liegt beispielsweise der Anteil der Analphabeten in der schwarzen Bevölkerung bei über 40%, beim weißen Bevölkerungsteil hingegen um 15%.

Unterdrückung der Indianer
Als die Portugiesen vor 500 Jahren Brasilien in Besitz nahmen, bevölkerten etwa fünf Millionen Menschen das riesige Gebiet. Heute wird die Zahl der Indios mit 220.000 angegeben. Die Reste der indianischen Urbevölkerung leben zum Teil in Reservaten und verstreut vor allem im Nordwesten des Bundesstaates Amazonas, im Mato Grosso und in Rondônia sowie im Bundesterritorium Roraima. Brasilien kann für sich den traurigen Ruhm in Anspruch nehmen, seine Ureinwohner zu verfolgen und systematisch ihre Existenzgrundlage zu zerstören. Auf dem Weg des Fortschritts, vor allem bei der Erschließung des Amazonasregenwaldes, werden sie brutal aus ihren Stammesgebieten vertrieben und ihrer Kultur beraubt.

Religion
Mit den Kolonisatoren kam auch die katholische Kirche nach Brasilien. Heute sind 70% der Brasilianer katholischen und etwa 19% protestantischen Glaubens. So wie die brasilianische Kultur als Folge der Vermischung und Verschmelzung von Menschen unterschiedlichster ethnischer Zugehörigkeit eigene Formen und Traditionen hervorgebracht hat, so haben auch die religiösen Riten der verschiedenen ethnischen Gruppen den christlichen Glauben durchdrungen. Das gilt insbesondere für das religiöse Brauchtum der afrikanischen Sklaven, aber auch für indianische Kulte. Viele Millionen Brasilianer, vor allem die dunkelhäutigen Menschen, die sich ihres afrikanischen Ursprungs besinnen, aber zunehmend auch Brasilianer anderer ethnischer Zugehörigkeit und sozialer Klassen, praktizieren neben ihrer christlichen Religion afro-brasilianische Kulte wie Macumba oder Candomblé. Vielfach sind diese Kulte mit Elementen des Christentums vermischt. Die katholische Kirche, die einst die gesellschaftliche Ordnung als gottgewollt und damit als unantastbar erklärte, hat inzwischen einen geradezu revolutionären Wandel vollzogen. Angesichts der tiefgreifenden sozialen Probleme des Landes hat sie sich engagiert auf die Seite der Armen gestellt.

Wirtschaft
"Hier ist nichts zu holen, weder Gold noch Silber", meldete der portugiesische Admiral Pedro Alvarez Cabral seinem König nach Portugal, als er 1500 beim heutigen Salvador die Küste für sein Land in Besitz nahm. Ein gewaltiger Irrtum. Brasilien verfügt über reiche Bodenschätze und Naturrohstoffe. Es gibt kaum ein Mineral, das in Brasilien nicht in größerer Menge vorkäme. Die reichen Bodenschätze sind bislang nur zum Teil erschlossen. Allein die Eisenerzvorkommen werden auf über 30 Mrd. Tonnen geschätzt. Mangan, Zinn, Aluminium, Gold und Silber, Titan, Bauxit, Wolfram, Uran, Blei, Nickel, Kupfer und Phosphat sind die wichtigsten von insgesamt über 70 geförderten Bodenschätzen. Brasilien gehört zu den bedeutendsten Förderländern von Edel- und Halbedelsteinen auf der Erde. Von besonderer Bedeutung für Brasiliens Wirtschaft sind die im Amazonasbecken entdeckten Erdöl- und Erdgaslager. Außerdem befinden sich größere Erdöllagerstätten an der Küste von Bahia und im Nordosten. Erst 2007 wurde vor der Küste ein weiteres riesiges Ölfeld ("Tupi") entdeckt, das bis zu acht Milliarden Barrel (zu je 159 Liter) leichtes Rohöl enthalten soll. Die landesweiten Rohölreserven würden sich bei einer vollen Ausbeutung des Feldes um bis zu 40 Prozent erhöhen, wie erst Anfang November 2007 gemeldet wurde. Brasilien, das erst 2006 zum Nettorohölexporteur wurde, würde damit zu den zehn größten Erdölproduzenten der Welt aufschließen.
Im Jahr 2006 steht São Paulo, wo 36% des BIP erwirtschaftet werden, wirtschaftlich unangefochten an der Spitze gefolgt von Rio de Janeiro (13%), Minas Gerais (12%) und Rio Grande do Sul (7%).

Das Brasilianische Modell
Die heutige brasilianische Wirtschaft ist strukturell geprägt von dem ehrgeizigen Modernisierungsprogramm, das die regierenden Militärs 1964 entwarfen. Dieses sogenannte Brasilianische Modell beinhaltete: wirtschaftliches Wachstum bei totaler Öffnung des Landes für ausländische Investoren, bei hohen Steuervergünstigungen und billigen Arbeitskräften unter Ausschaltung der Gewerkschaften und der Opposition - dann erst mehr soziale Gerechtigkeit. In den folgenden Jahren wurde das Land mit Hilfe massiver ausländischer Direktinvestitionen und mit ausländischen Krediten in Milliardenhöhe modernisiert.Der brasilianische Staat begleitete diese Politik durch umfangreiche Wirtschaftsaktivitäten, insbesondere im Infrastruktursektor.
Zu dem brasilianischen "Wirtschaftswunder" mit industriellen Wachstumsraten von 13% pro Jahr trug in beträchtlichem Maße die massive Erweiterung des Fahrzeug- und Maschinenbaus, der Elektrotechnik, der Metallindustrie und der chemischen Industrie bei. Des weiteren gelang der Aufbau einer petrochemischen Industrie, die mit Hilfe von staatlichem, nationalem und internationalem Kapital entstand, die Aufnahme einer Flugzeugproduktion sowie der rasche Ausbau einer eigenen Rüstungsindustrie. Brasilien gehört heute zu den zehn größten Rüstungsexporteuren der Welt.
Die industrielle Entwicklung konzentrierte sich vor allem auf die Ballungsgebiete im Südosten, insbesondere auf die Region um São Paulo, und verschärfte dadurch noch mehr die Gegensätze zu den armen Regionen des Landes. Diese Politik der Industrialisierung von außen katapultierte das Land Anfang der 1970er Jahre vom 50. auf den 8. Platz bei der Erwirtschaftung des Bruttosozialprodukts im weltweiten Vergleich.
In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurde unter Führung staatlicher Unternehmen eine Anzahl von Großprojekten gleichzeitig und finanziell weitgehend unkoordiniert in Angriff genommen. Dazu zählen Vorhaben wie das brasilianisch-deutsche Atomprogramm, die zur Energiegewinnung angelegten riesigen Stauseen von Itaipú und Tucurui, das Biotreibstoffprogramm Proalcool (Ethanol aus Zuckerrohr), mit dem die Erdölabhängigkeit eingedämmt werden soll, und viele andere mehr.
Gemein war allen diesen Projekten, dass sie Devisenbeträge in Milliardenhöhe für den Import der benötigten Anlagen, Ausrüstungen und des "Know-how" verschlangen. Diese bekannten Renommierprojekte entstanden teilweise weniger aus ökonomischen Gründen als vielmehr aus der Geltungssucht des Militärregimes heraus.
Mit Beginn der weltweiten Rezession Anfang der 1980er Jahre endete auch abrupt das "Brasilianische Wirtschaftswunder". Die zur Abdeckung des Handelsbilanzdefizits und zur Abzahlung erhaltener Kredite sowie zur Finanzierung inländischer Investitionsvorhaben aufgenommenen Finanzierungsmittel haben einen raschen Anstieg der Außenverschuldung bewirkt. Seit Anfang der 1990er Jahre ist Brasilien das größte Netto-Schuldnerland der Welt mit Auslandsschulden von mittlerweile mehr als 230 Milliarden US-Dollar geworden. Die Tilgung dieser erdrückenden Schuld wird dem Land über viele Jahre nur einen geringen wirtschaftlichen Spielraum lassen. Zudem wird Brasilien durch strenge Auflagen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds - von deren Einhaltung die Bewilligung jeweils weiterer Kredite abhängig gemacht wird - gezwungen, eine drastische Sparpolitik gegenüber der Bevölkerung durchzusetzen.
Die durch das Brasilianische Modell geschaffenen Strukturen sowie Korruption und Machtmissbrauch haben eine Gesellschaft geschaffen, in der ein großer Teil der Brasilianer am Rande des Existenzminimums lebt.
Mit den breitangelegten Reformen, die seit 2003 unter da Silva durchgeführt wurden, könnte eine nachhaltige Erholung des Landes einhergehen. Tatsächlich gehört Brasilien 2007 zu den wirtschaftlich boomenden Weltregionen, die derzeit international viel Beachtung finden. Die positive Entwicklung der Wirtschaft könnte nun auch die Gesellschaft insgesamt positiv beeinflussen.

nach oben

Mit Brasiliens landwirtschaftlichem Potential könnten Nahrungsmittel im Überfluss produziert werden, doch weite Teile der Bevölkerung leiden unter unzureichender Ernährung. Früher konnte die brasilianische Landwirtschaft den inländischen Bedarf an Grundnahrungsmitteln wie Maniok, Bohnen, Mais, Reis, Bananen und Kartoffeln decken. Die Anbauflächen für diese Produkte nehmen aber immer weiter ab, da die Regierung angesichts der hohen brasilianischen Auslandsverschuldung die großflächige Anpflanzung weiterer Monokulturen, deren Produkte für den Export bestimmt sind, fördert. Auf diese Weise soll das Handelsbilanzdefizit verkleinert werden.
So ist zu befürchten, dass der Anbau von Soja vorangetrieben wird. Soja, reich an hochwertigen Proteinen für die Menschen, gelangt fast ausschließlich in die Futtersilos der Industrienationen, wird in den letzten Jahren auch verstärkt für die Bio-Diesel-Produktion angebaut. Bei einer weiteren Erhöhung der Weltmarktpreise für Sojamehl ist davon auszugehen, dass die Regierung die Anbauflächen für Grundnahrungsmittel, wie Mais und Reis, zugunsten von Soja einschränken wird. Damit würde Brasilien aber in kürzester Zeit gezwungen sein, die notwendigen Grundnahrungsmittel zu importieren. Es ist ein Teufelskreis, aus dem das Land ohne umfangreiche Strukturreformen nicht herausgelangen kann.
Obwohl die brasilianische Landwirtschaft gegenüber der Industrie an Bedeutung verloren hat, weist sie immer noch einen Anteil von knapp 8% am Bruttoinlandsprodukt auf und beschäftigt ein Viertel der Erwerbspersonen.
Nur ein Zehntel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche ist Ackerland. Die Hauptanbaugebiete liegen in den Küstenstaaten im Süden und Nordosten. Den Schwerpunkt der Landwirtschaft bildet der Staat São Paulo, wo unter anderem Baumwolle, Zuckerrohr, Erdnüsse, Apfelsinen, Tomaten, Kaffee und Bananen angebaut werden.

Kaffee, Baumwolle, Zuckerrohr und Rinder
Der Kaffeeanbau, früher die Stütze der brasilianischen Wirtschaft, hat an Einfluss verloren. Brasilien ist zwar mit etwa einem Fünftel der Welterzeugung noch immer der größte Kaffeeproduzent der Erde, doch entfallen vom Gesamtexportwert nur noch etwa 5% auf den Kaffee. Die Anbauflächen wurden stark reduziert, da durch die zeitweilige riesige Ausweitung der Plantagen ein Überangebot auf dem Weltmarkt entstanden war, das zu einem starken Preisverfall führte. Heute regelt der Weltkaffeerat die Quoten für die einzelnen Produktionsländer. Nachdem lange Zeit der Staat São Paulo Hauptanbaugebiet war, hat sich der Schwerpunkt des Kaffeeanbaus inzwischen nach Nordparaná verlagert, das etwa die Hälfte der gesamten Produktion liefert.

Die Baumwolle ist zu einem wichtigen Produkt der brasilianischen Landwirtschaft geworden. Wie beim Kaffee sind Großfarmen die vorherrschende Betriebsform. Das Zentrum der Produktion hat sich vom Nordosten, wo jedoch noch immer die größten Anbauflächen liegen, nach dem Süden verschoben.

Der Zuckerrohranbau hat stark zugenommen. Während früher die Hauptanbaugebiete in São Paulo, Pernambuco, Minas Gerais und Rio de Janeiro lagen, sind in den letzten Jahren in Mato Grosso riesige Plantagen angelegt worden. Sie sind Teil eines Regierungsprogramms, das die Kraftstofferzeugung durch aus Zuckerrohr gewonnenen Alkohol fördert. Bis Ende der achtziger Jahre wurden rund sechs Millionen rein mit Ethanol betriebene Autos hergestellt. Nach Einstellung der Subventionen für die Ethanol-Produktion wurde unter dem Präsidenten Lula ein neues "Proalcool"-Programm aufgelegt.
Generell wird dem brasilianischen Benzin 25% Ethanol beigemischt.
Zuckerrohr wird bislang auf etwa 5% der für diesen Anbau möglichen Fläche angebaut. Die in den letzten Jahren eingesetzte Intensivierung des Zuckerrohranbaus sorgt bei allen Naturschutz- und Umweltorganisationen für lauten Protest. Bereits im Jahr 2004 hat Brasilien 18 Millionen Tonnen Ethanol produziert und ist mit 36 Prozent der Weltmarktproduktion führend. Wie es heißt, könne Brasilien mindestens zehn mal soviel Ethanol produzieren.
Das Land plant nun, Ethanol in Länder der EU zu exportieren. Zunächst sollen 500.000 Tonnen an Deutschland geliefert werden.

Der größte Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche wird von Naturweiden eingenommen. Entsprechende Relevanz kommt daher der Viehzucht zu, die zu einem Viertel am agrarwirtschaftlichen Produktionswert beteiligt ist. Wichtig ist vor allem die Rinderzucht, die meist extensiv auf den baumlosen Campos von Rio Grande do Sul, auf den Campos Cerrados von Mato Grosso und Minas Gerais sowie im trockenen Nordosten betrieben wird.

Großgrundbesitzer gegen Kleinbauern
Die Struktur von Vieh- und Landwirtschaft ist einerseits durch relativ wenige Großbetriebe, andererseits durch viele Klein- und Kleinstbetriebe gekennzeichnet. Während auf der einen Seite in den Großbetrieben landwirtschaftliche Flächen ungenutzt bleiben oder nicht adäquat genutzt werden, erweisen sich die bäuerlichen Kleinbetriebe oft als unökonomische Einheiten, die ihre Besitzer zu Zugewinnarbeit zwingen, beziehungsweise Bauern in Landarbeiter verwandeln. Das Problem der Arbeitslosigkeit wird noch dadurch verstärkt, dass die Großbetriebe aufgrund eines erhöhten Einsatzes technischer Landmaschinen Großteile ihrer Beschäftigten entlassen.
Die einzige dauerhaft erfolgreiche Lösung dieser Misere wäre eine umfangreiche Agrarreform. Dies schien auch die Regierung Sarney erkannt zu haben. So verabschiedete sie ein Gesetz, das die gegenwärtigen Bodenbesitzverhältnisse grundlegend verändern sollte. Nicht produktiv genutzter Boden, meist im Besitz der Großgrundbesitzer, sollte bis zum Beginn des 3. Jahrtausends an sieben Millionen Familien verteilt werden. Die bisherigen Eigentümer sollen in den nächsten zwanzig Jahren entschädigt werden. Den gleichen Zeitraum haben die neuen Eigentümer, um die Entschädigungslasten aufzubringen. Regionaler Schwerpunkt des Agrarreformplans ist der brasilianische Nordosten, wo ca. 190.000 km² (dies entspricht 12% der Nutzfläche) an 630.000 Familien verteilt werden sollen. Bisher hat jedoch nur ein Bruchteil der landlosen Familien Agrarland erhalten. Das Drängen auf eine Beschleunigung der Agrarreform, die auch von der katholischen Kirche engagiert unterstützt wird, wird daher immer massiver.

nach oben



Literatur

Alle Länder dieser Erde. Band 1, Sonderausgabe in 2 Bänden, Reader´s Digest (Hg), Bertelsmann, Gütersloh/München, 2001, S.203 f.

Brasilien: Diverse Literatur und Unterkategorien
Ipanema
Copacabana
Favelas
Amazonas
Yanomami
Politik & Geschichte
Capoeira - Futebol - Sport
Paulo Coelho



www-Links



Mehr Informationen zur Amazonas-Region bei  muz-online.de: Amazonas
Die dunkle Seite am Sonnensprit - In Brasilien zahlen die Armen und der Regenwald für Bio im Tank
Ethanol in Brasilien: Ehrgeizige Ziele für Biotreibstoff
Alkohol statt Benzin - Billiger Fusel befeuert brasilianische Autos
Soros investiert 900 Mio. USD in Brasiliens Ethanol Industrie
Brasiliens Zucker erobert den Weltmarkt
"Augen auf: Hier herrscht Sklavenarbeit"
Menschenrechte in Brasilien: amnesty international - Kogruppe Brasilien
Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland
Welcome To Brazilink ---Connecting people and information
CIA - The World Factbook -- Brazil
Liste der Favelas
Favelas
Favelas, Terror, Menschenrechte, Lula
Brasilien - alle Infos
Yanomamis, die Indianer im Amazonasgebiet
Zur Situation der indigenen Völker
Gewalt gegen indigene Völker in Brasilien
Cimi-Conselho Indigenista Missionario (German)
Info-Seiten Brasilien
Infos und Links - Brasilien und Brasilianer in Deutschland
Brasilien Reisen - mit viventura Südamerika erleben!
Der berühmte Strand von Copacabana
Brasilien-Links
Alles über Rio de Janeiro
Moni ist in Brasilien
Rio Amazonas
Straßenkinderhilfe in Brasilien
KHG-Mainz Arbeitskreis Brasilien - Reise,Praktika etc.
Pro-Regenwald
UNDP in Brazil
Armut in Brasilien nimmt zu
Universidade de Sao Paulo
Editorial - Jose Antonio/Muniz Lopes
PACC-Equipe:Silviano
Instituto Socioambiental
Goethe-Institut Inter Nationes-Brasilien
Projekte Brasilien - Landlosenbewegung
Franziskaner in Brasilien
Duo Paulo Colares&Yo Asal
Art-Info
Samba
Karneval in Rio-Manaus-Fotos
Fotos aus Brasilien
Festival da folclore

nach oben