Rückkehr zur Demokratie
Das 1987 erlassene Parteiengesetz legalisierte mit Einschränkungen die Betätigung politischer nichtmarxistischer Parteien. Doch der Widerstand in der Bevölkerung gegen die Diktatur wuchs weiter, und im Oktober 1988 verlor Pinochet in einem Referendum die Zustimmung für eine erneute Amtsperiode. Daraufhin wurden für Ende 1989 die ersten freien Wahlen seit 1973 angesetzt, bei denen der Christdemokrat Patricio Aylwin (* 1918) einen großen Wahlsieg erringen konnte. Er war Kandidat der vereinigten chilenischen Opposition, einer aus 17 Parteien und Gruppen bestehende Mitte-Links-Koalition. Damit sprach sich die Bevölkerung Chiles innerhalb eines Jahres dreimal für die Demokratisierung des politischen Lebens aus. Eduardo Frei (* 1942), ein Sohn des früheren Präsidenten Frei, löste Aylwin 1994 als Staatschef ab. Im Januar 2000 wurde der Sozialist Ricardo Lagos Escorbar zum Staatspräsidenten gewählt.
Während der von schwersten Menschenrechtsverletzungen gekennzeichneten Diktaturzeit (1973-90) wurden nach Erhebungen der internationalen Menschenrechtskommission alleine in den ersten vier Wochen der Diktatur 4.000 Menschen ermordet. Amnesty International schätzt die Gesamtzahl der Toten auf 25.000. Tausende verschwanden spurlos, mindestens 28.000 Menschen wurden in Haft genommen und gefoltert, »[...] Hunderttausende Oppositionelle mussten ins Exil gehen. Nach der Rückkehr zur Demokratie blieb Pinochet u.a. auch als Senator auf Lebenszeit vor Strafverfolgung geschützt. Am 16.10.1998 wurde er in London auf Antrag der spanischen Justiz wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhaftet, jedoch nicht nach Spanien ausgeliefert und durfte aus Gesundheitsgründen am 3.3.2000 nach Chile ausreisen. [...]«
Pinochet konnte sich auch in seiner Heimat mit Hilfe juristischer Winkelzüge um seine Imunität, seinen Gesundheitszustand und seine Verhandlungsunfähigkeit bis zuletzt der Verantwortung für die während seiner Herrschaft begangenen Verbrechen entziehen.
Am 10. Dezember 2006 verstarb Pinochet im Alter von 91 Jahren. Eine Entschuldigung an die zahlreichen Opfer blieb bis zuletzt aus.
»[...] Mit dem Tod des Diktators wurden die gegen ihn laufenden Verfahren wegen Menschenrechtsverletzungen in 300 Fällen sowie ein Prozess wegen Steuerhinterziehung eingestellt. [...]
Die seit März 2006 amtierende sozialistische Staatspräsidentin Michelle Bachelet Jeria (Partido Socialista/PS), selbst Opfer der Diktatur, verbot ein Staatsbegräbnis. Pinochet wurde lediglich in einem militärischen Zeremoniell beigesetzt. [...]«
Die Verfahren gegen Verantwortliche der Militärdiktatur laufen weiter. Der bereits in Haft befindliche frühere Chef des ehemaligen chilenischen Geheimdienstes DINA, General Manuel Contreras Sepúlveda, wurde im Dezember 2006 im 11. Urteil gegen ihn zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Auch im Ausland laufen weiterhin Menschenrechtsverfahren. Paul Schäfer, der Leiter der ebenfalls in die Taten des Regimes verstrickten Deutschenkolonie Colonia Dignidad, wurde im März 2006 in Argentinien aufgespürt und nach Chile abgeschoben, wo er wegen Kindesmissbrauchs zu 20 Jahren und wegen Waffenbesitzes zu 7 Jahren Haft verurteilt wurde. Zitate aus: Der Fischer Weltalmanach 2008, S.99 ff.
Die Menschen
Chile ist ein Hochgebirgsland, aber die Chilenen sind kein Bergvolk. Während weite Teile des Landes wegen geographischer und klimatischer Bedingungen beinahe menschenleer sind, kommt es in Mittelchile, dem begünstigten Siedlungs- und Wirtschaftsraum des Andenvorlandes, zu einer hohen Bevölkerungsdichte. Über 80% aller Chilenen leben hier, allein jeder Dritte in Santiago de Chile.
Im Gegensatz zu den meisten südamerikanischen Staaten ist die ethnische Bevölkerungszusammensetzung Chiles recht homogen. Sie ist das Ergebnis einer rund 400 Jahre währenden Vermischung altspanischer und indianischer Bevölkerungselemente. Bei großzügiger Auslegung des Begriffs "Mestizen" zählen 70% aller Chilenen zu dieser Bevölkerungsgruppe. In Chile indes spricht man weniger von den Mestizen denn von der "raza chilena", der chilenischen Rasse.
Doch schon während der Kolonialzeit gingen zwei sehr unterschiedliche ethnische Gruppen eigene Wege: die sich auf rein spanische Vorfahren zurückführenden "Kreolen", die als Weiße gelten und heute rund ein Viertel der chilenischen Bevölkerung stellen, sowie die indianischen Mapuche, die araukanischen "Herren des Landes". Beide Volksgruppen hielten unbeirrbar an der eigenen Kultur und Herunft fest. Allerdings mit unterschiedlichem Ergebnis.
Denn während die kreolischen Familien noch heute einen nicht unerheblichen Teil der chilenischen Oberschicht stellen, finden sich die araukanischen Mapuche am Rand der chilenischen Gesellschaft wieder. Obwohl sie bis Mitte des 19. Jahrhunderts große Teile des "Kleinen Südens" besaßen, teilen die weitaus meisten der heute ungefähr 140.000 Araukaner das Schicksal ihrer nordamerikanischen Brüder und leben in Reservationen um Temuco.
Während im nördlichen Wüstenchile noch vielleicht 10.000 Aymará-Indianer und, verteilt im Lande, kleinere Ketschua- und Chonos-Gruppen leben, sind patagonische Indianervölker wie die Alacalufes, Onas und Yanganas nahezu ausgerottet. Sie wurden durch eingeschleppte Krankheiten dezimiert oder von Neusiedlern und Goldsuchern umgebracht. In Punta Arenas hat man den ausgerotteten Indianern ein Denkmal gesetzt. Ein makabres allerdings. Denn nicht von Tortur und Tod kündet das Denkmal, sondern von "Einbettung in die Liebe des Chilenentums".
Weit mehr als die indianischen Ureinwohner prägten neben den Spaniern Briten, Franzosen und Deutsche das Land. Vor allem die Deutschen haben sich - wohl wegen ihrer späteren Einwanderung ab Mitte des 19. Jahrhunderts - ihre eigene Identität und Kultur bis in unsere Tage bewahrt, wenngleich heute im "Kleinen Süden" - der klassischen deutschen Enklave - Vermischungs- und Auflösungsprozesse kaum zu verleugnen sind. Aber nicht nur die späte Einwanderung, auch die Tatsache, dass sie als Protestanten in das bis heute überwiegend römisch-katholische Chile kamen, hat zu dieser sehr langen Isolierung geführt. Insgesamt wird die Zahl der ansässigen Deutschen auf rund 16.000 geschätzt, die der Deutschstämmigen jedoch auf über 100.000.
Die überwiegende Einheitlichkeit der chilenischen Bevölkerung spiegelt sich auch in der Sprachzugehörigkeit wider. Von den einst zahlreichen Indianersprachen hat sich lediglich das Mapuche der Araukaner erhalten können, das neben der Staatssprache Spanisch jedoch nur wenig verbreitet ist.

Literatur Alle Länder dieser Erde. Band 1, Sonderausgabe in 2 Bänden, Reader's Digest (Hg), Bertelsmann, Gütersloh/München, 2001, S.234 f.
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