Der Nordosten der USA

Massachusetts, New Hampshire, Rhode Island, Connecticut, New York, New Jersey, Pennsylvania, Delaware, Virginia und Maryland, so hießen die zehn englischen Kolonien in Neuengland und an der Mittelatlantikküste, die zusammen mit den drei Kolonien an der südlichen Atlantikküste North Carolina, South Carolina und Georgia am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone erklärten und damit zum Kern der Vereinigten "Staaten" von Amerika wurden.

Hier ist auch heute noch das klassische Land der "Yankees", den Nachkommen angelsächsischer Einwanderer. Hier findet man die ältesten Städte des Landes mit historischen Gebäuden aus der "Kolonialzeit" und den frühen Jahren der Unabhängigkeit. Aus der Fülle der Beispiele seien hier genannt: die Libertyhall mit der Freiheitsglocke und die Carpenters' Hall, Tagungsort der "Verfassunggebenden Versammlung" in Philadelphia, das "Weiße Haus" in Washington D.C. oder das Old State House, wo die Unabhängigkeitserklärung verlesen wurde, und The Commons, der alte Anger, in Boston. In der atlantischen Küstenebene und weiter westlich im fruchtbaren Vorland der Appala-chen, dem Piedmontplateau, zeugen noch heute bilderbuchschöne Farmen und hübsche Städtchen und Dörfer mit ihren spitzen weißen Kirchtürmen und prächtigen alten Obst- und Parklandschaften von den Zeiten vor der industriellen Revolution und der modernen Verstädterung. Das Klima ist durch den Einfluß des atlantischen Ozeans mit milden Wintern und feucht-schwülen Sommern gemäßigter als im kontinentalen Landesinneren. Das Äppalachengebirge, im Westen der atlantischen Küstenebene und dem Piedmontplateau gelegen, erstreckt sich über 2000 km von Alabama im Südwesten bis zur kanadischen Grenze im Nordosten. Es bildete bis zur Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten die Grenzscheide zwischen den englischen Kolonien an der Küste und den Indianerterritorien sowie dem französischen Einflußgebiet im Westen. Während die Küstenebene und das Piedmontplateau vorwiegend von Engländern in Besitz genommen und besiedelt wurden, mußten ärmere Einwanderer der britischen Randgruppen aus Schottland, Wales und Irland mit den weniger fruchtbaren Waldtälern und Hängen der Appalachen vorlieb nehmen: Kohlebergbau und Holzgewinnung brachten nur kurze Zeit einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung. Heute werden die etwa 11 Millionen, vorwiegend ländlichen Bewohner des Appalachengebirges "die Dritte Welt der USA" genannt. Kindersterblichkeit, Analphabetentum, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit sind dort mehr als anderswo in den Vereinigten Staaten verbreitet.

Die Ostküstenstädte
Die moderne Wirtschaft mit industrieller und nachindustrieller Entwicklung und städtischem Wachstum bevorzugte das östlich davon gelegene Piedmontplateau und die atlantische Küstenebene. Städte wie Roanoke, Richmond, Newport News und Norfolk (Virginia), Washington D.C., Baltimore sowie der ganze riesige urbane Komplex von Philadelphia über Trenton, Newark, Hartford, Albany, New York, New Haven, Bridgeport, Providence bis nach Boston, auch "Megalopolis" genannt, gehören zu den entwickeltsten Gebieten der Vereinigten Staaten.
Aber auch hier ist die Kehrseite nirgends sehr weit. Die Bundeshauptstadt Washington D.C. hat z. B. heute mit die höchste Mordrate im Lande. 80% aller Morde stehen, wie auch andernorts, mit Drogenhandel, vor allem Kokain (Crack), in Verbindung. Über 70% der Bevölkerung von Washington D.C. sind Schwarze. Sie zahlen den schlimmsten Preis der Kriminalität, denn 96% der Mörder und 89% der Opfer sind Schwarze und rund 22.000 Schwarze werden jährlich wegen Drogenvergehen verhaftet. Auch in den anderen Städten von "Megalopolis" ist unbeschreibliches Elend nie sehr weit entfernt von Glanz und Dekadenz. Untergrund- und Busbahnhöfe sind vor allem die Orte, wo sich die Ausgestoßenen sowie die armseligsten und gefährlichsten Elemente der amerikanischen Überflußgesellschaft aufhalten: Drogenhändler und Drogenabhängige, Diebe, Räuber, Mörder und Obdachlose. Ausländische Touristen sind entsetzt und können nicht verstehen, wie ein Land des Reichtums solche Zustände toleriert. Sie vergessen, daß der wichtigste Grundwert der amerikanischen Demokratie die individuelle Freiheit ist, der man zum Teil sogar soziale Sicherheit, "Ruhe und Ordnung", ja selbst Barmherzigkeit unterordnet. Freiheit aber ist mit Risiko verbunden. Das Risiko des Versagens gehört dazu. Das ist in den Vereinigten Staaten kein Widerspruch.

Eine Reise durch Neuengland (New England)



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