MEINUNG
(Februar, 2009) Vor drei Tagen, als ich Deine Mail eigentlich beantworten wollte (und dann nicht dazu kam), hörte ich eine Rede von Hugo Chavez im venezolanischen Kanal meines Kabelfernsehens anlässlich der Einweihung einer der größten Meerwasserentsalzungsanlagen der Welt (natürlich in Venezuela), d.h. einer der größten Trinkwasserfabriken.
Chavez hat immer viel zu sagen. Er ist ein großer Redner, und es ist immer ein Genuss ihm zuzuhören. Fast nie sagt er was Dummes.
"Im Norden sind die Herzen der Menschen voller Hass", meinte er unter anderem. Damit bezog er sich vor allem auf die US-Politiker, ihre Kriege, ihre Waffenarsenale, ihre Unterdrückungskonzepte. "Meine größte Waffe ist die Liebe in meiner Brust, die Liebe zu meinem Volk, die Liebe zu Venezuela. Diese Liebe macht uns unbesiegbar."
Er hat Recht. Damit hat er vielleicht einen der größten Unterschiede zwischen Lateinamerika und dem Rest der Welt benannt. Hier gibt es eine völlig andere Art von Politikern als die, die wir so aus unserer Western World kennen und die unser Politikerbild formen. Hugo Chavez, Evo Morales, Rafael Correa, Fernando Lugo etc. sind wirklich anders und erheblich weniger korrupt (wenn überhaupt) als die Politiker anderswo. Was Chavez in den letzten 10 Jahren für Venezuela geleistet hat, das haben die Politiker vor ihm in hunderten von Jahren nicht geschafft (und auch nicht gewollt).
Und auch die Menschen hier sind anders als auf der Nordhalbkugel und auch in Afrika und Asien. Fremdenhass und Migrantenproblematik, das gibt es hier schlicht und einfach nicht. Hier leben die Menschen noch mehr miteinander, und nicht gegeneinander. Ganz Iberoamerika wird als eine Nation betrachtet.
Natürlich gibt es gewisse ethnische Konflikte, z.B. in Bolivien, Peru, Chile, Zentralamerika, Mexiko. Natürlich gibt es auch Neid und Egoismus. Aber trotzdem ist das Gesamtklima ein ganz anderes. Das erklärt vielleicht Deine negative Sicht der Menschen, und dass ich dagegen halten will und sage: Es gibt aber auch noch etwas Anderes. Nicht alle sind so mies und schlecht. Da ist noch was im Menschen, was ihn/sie menschlich macht.
Chavez hat seine Menschlichkeit nicht verloren, und er hat eine klare Werteskala. Er und seine Gefolgsleute haben Venezuela, das am Boden lag und in Armut versank, in zehn Jahren zu einem ansehnlichen Land gemacht, das andere Länder in der Region unterstützt mit Geld, mit Erdölderivaten, mit Technologie, mit medizinischer Versorgung etc. Chavez steht zu 100% ein für seine Sache, 24 Stunden am Tag. Er hat keinen Feierabend und kein freies Wochenende. Er ist rund um die Uhr Chavez.
Mag sein, dass er sich auch irgendwo irgendwas persönlich unter den Nagel gerissen hat, eine nette Finka vielleicht, ein Bankkonto in der Schweiz vielleicht (ich weiß es nicht). Ich würde es ihm gönnen und bin sicher, dass das vergleichsweise viel weniger ist als was sich 90% der anderen Politiker dieser Welt illegal angeeignet haben. Vielleicht lässt er sich auch mal von einer netten Praktikantin oder fanatischen Parteigenossin einen blasen. Ich gönne es ihm. Er hat es verdient. Das ist nur menschlich.
Ich bin es auch leid, dass gehirngewaschene Nordhalbkugel-Intellektuelle und Andere immer mit dem Finger auf Fidel Castro zeigen. Fidel Castro hat unendlich viel Gutes für sein Land und sein Volk getan. Cuba hat eines der besten Bildungssysteme, die beste medizinische Versorgung. Die Befriedigung der Grundbedürfnisse ist auf Cuba gesichert, und das alles trotz der jahrzehntelangen Blockade.
Das einzige, was Fidel Castro nicht getan hat, und was ihm von westlichen Klugschwätzern angekreidet wird, ist, die sogenannte Pressefreiheit und die politischen Freiheiten zuzulassen. Aber weißt Du was? Er hatte absolut Recht damit. Wenn er das getan hätte, wer hätte sich das dann zunutze gemacht? Das internationale Kapital und die großen Manipulatoren. Natürlich wäre Castro dann schon vor vielen Jahren "abgewählt" worden, in "freien" "Wahlen". Und natürlich wäre Cuba dann schon lange wieder das Hurenhaus und der Freizeitpark der Karibik, mit einer hungernden Bevölkerung wie auf Haiti. Gott sei Dank hat Castro das nicht zugelassen.
Hier in Lateinamerika herrscht ein völlig anderes Castro-Bild als in der Western World. Hier ist Fidel das große Vorbild, und Chavez z.B. wird nicht müde ihn zu zitieren und sich auf ihn zu berufen. Castro kommt für Chavez (und für viele hier) gleich nach Simon Bolivar. Tja, darüber sollte man mal nachdenken.
50 Jahre hat sich Castro in Cuba gehalten. Wenn die Bevölkerung so ganz und gar nicht mit seiner Politik einverstanden wäre, wäre das wohl nicht möglich gewesen.
Hier in Lateinamerika gibt es noch eine Menschlichkeit, die auf anderen Erdteilen ziemlich abhanden gekommen zu sein scheint.
Geschrieben für Menschen unserer Zeit e.V. - www.muz-online.de
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