Zur Wertediskussion
Rudolf Grimm, dpa = Hamburg (dpa)

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Dass Geld die Welt regiere, der "nervus rerum", der Nerv der Dinge, sei, das glaubte man schon in der Antike zu wissen. Viele überlieferte Aussprüche zeigen das. Sie sind in unser gängiges Repertoire der Redensarten eingegangen. Das Christentum ist seit 2000 Jahren Hauptkritiker dieser Rolle des Geldes. Mit der rapide voranschreitenden Globalisierung des Marktkapitalismus scheint manchem, dass das Geld nun erstmals wirklich totale Macht und gleichzeitig globalisierte Verehrung gewinnt.
Von "Götzendienst" spricht der Theologe Thomas Ruster (Universität Dortmund) in seiner viel beachteten Schrift "Der verwechselbare Gott" (Verlag Herder) - Götzendienst im Sinne des Ersten Gebots: "Du sollst neben mir keine anderen Götter haben." Schärfer als die meisten anderen Kritiker fordert er dazu auf, der "bislang unbekannten Religion des Kapitalismus" die Anerkennung zu versagen. Nur so und durch eine Lebenspraxis im Sinne des biblischen Denkens kann nach seiner Auffassung das Christentum sein unverwechselbares Profil zurückgewinnen. Der Kapitalismus als Religion widerspreche radikal dem Gerechtigkeitswillen des von der Bibel bezeugten Gottes sowie dem vom ihr eingeschärften Zinsverbot und ihrer Aufforderung zur Sorglosigkeit.
Nicht einem einzigen der zahlreichen theologischen Bücher, die im vergangenen Jahr in Deutschland erschienen sind, ist auch nur annähernd eine so breite Aufmerksamkeit zuteil geworden wie diesem Buch, wird in der Zeitschrift "Herder-Korrespondenz" (Freiburg) in einer "Zwischenbilanz" der Rezeption konstatiert. Auffällig findet der Theologe Michael Bongardt (Freie Universität Berlin), dass diejenigen, die sich von Ruster bestätigt sehen oder wenigstens kritisch mit ihm einig glauben, sich im breiten Meinungsspektrum nicht an einer bestimmten Stelle verorten lassen. Sie finden sich unter traditionsbedachten Bischöfen und auch Vertreterinnen einer radikalen Kirchenreform, unter Fachleuten wie auch Christen, die nur selten ein theologisches Werk lesen.
"Der fruchtbare Boden, auf dem dieses immense Interesse wächst", scheint Bongardt leicht auszumachen: "Es ist jenes verbreitete Unbehagen an einem Christentum und einer Kirche, die kein Profil mehr zu haben scheinen, die bis zur Unkenntlichkeit angeglichen sind an die Gesellschaft, in der sie leben, die "verwechselbar" geworden sind mit den zahllosen Formen einer frei flottierenden "civil religion"." Er bemerkt ferner, Ruster sei zwar keineswegs der erste Theologe, der auf dieses Unbehagen zu reagieren sucht. Dass er so ungleich mehr Gehör - und auch Widerspruch - findet, scheint ihm an der "beeindruckenden Prägnanz und Schärfe" seiner Analyse und seiner Hinweise zu liegen. Kritik und Widerspruch hat er unter anderem wegen seines Religionsbegriffs gefunden und wegen der möglichen Auswirkungen seiner These auf die Religionspädagogik. Auch die dogmatische Theologie hat Anfragen an ihn.

Für den Theologen Wolfhart Pannenberg (München) ist der entscheidende Faktor der von Ruster kritisierten Entwicklung nicht der Kapitalismus, sondern der Säkularismus, also die Verweltlichung, die Entfernung vom Glauben an Gott. "Der Kapitalismus ist eine Wirtschaftsform, und erst durch den Säkularismus hat er die unumschränkte Autonomie und den Herrschaftsanspruch auf das gesamte Leben der Menschen entwickeln können", sagte er im Gespräch mit der dpa. Entscheidend scheint ihm dabei das herrschende, der Bibel widersprechende Verständnis von Freiheit, von unbegrenzter Selbstverfügung zu sein.
Deswegen ist für Pannenberg nicht das Wirtschaftssystem das Problem, sondern sind es die Menschen, die sich dieses Systems bedienen. "Freiheitsgebrauch im Sinne einer nach Gutdünken betriebenen Entfaltung des eigenen Lebens - das ist eigentlich der Grundwert schlechthin, nach dem sich das Leben heute vollzieht", sagte der Professor. Dies und die damit verbundene Rolle des Geldes kennzeichnet nach seiner Auffassung unsere Situation.
Für den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler David R. Loy (zur Zeit Universität Bunkyo/Japan) ist das "gegenwärtige globalisierende Wirtschaftssystem" eine "besonders große Herausforderung an die Religionen". In einem in der islamischen Zeitschrift "Al-Fadschr - Die Morgendämmerung" (Hamburg) veröffentlichten Aufsatz plädiert er deswegen für eine Begegnung der Religionen miteinander. Sie hätten einander nötig, "damit sie erkennen können, was wirklich wichtig ist in ihren eigenen Lehren". Loy glaubt, die neue "Herausforderung kann durchaus damit enden, dass sie etwas Gutes ist für religiöse Institutionen, die weitgehend versteinert sind". Benötigt würden neue, verbesserte Religionen.

©dpa
260130 Jul 01