Für Werte sind wir alle verantwortlich
Readerīs Digest, Juli 2001, S.34 ff.

Kinder brauchen Orientierung - und Eltern brauchen bei der Erziehung Unterstützung

Fritz Kuhn (Die Grünen)

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Politik, Wissenschaft, aber auch die Gesellschaft als Ganzes sind immer darauf angewiesen zu überprüfen, nach welchen Werten sie handeln. Dürfen wir etwa mit Embryonen experimentieren? Oder gilt nicht doch der fundamentale Satz des Gruzndgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar? Oft wird gesagt, Kinder seien das Wertvollste, was wir haben.
Warum handeln wir nicht danach und sind in Deutschland in der Kinderbetreuung noch immer Entwicklungsland? Kann es angehen, dass wir in Festreden die soziale Marktwirtschaft beschwören, während laut Armutsbericht der Bundesregierung die Armut hier zu Lande wächst?
Drei Beispiele, die zeigen, dass unsere Werthaltungen in der Praxis oft nicht umgesetzt sind. Wer Werte bewahren will, darf ihre Überprüfung im Alltag nicht scheuen. Unser demokratisches Gemeinwesen, das auf den Werten des Grundgesetzes - Freiheit, Menschenwürde, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Frieden - basiert, ist nichts, was uns immer sicher ist. Vielmehr müssen wir unsere Verfassung und die ihr zugrunde liegenden Werte leben. Wir müssen sie verteidigen gegenüber den Feinden unserer Verfassung. Wir müssen sie positiv deuten in Bezug auf Veränderungen, die sich durch wirtschaftliche oder technische Entwicklungen ergeben.
Wir müssen sie weiterentwickeln, wenn sich neue gesellschaftliche Herausforderungen zeigen. Können wir in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen offen zu ihrer Homosexualität bekennen, den Schutz der Ehe den Menschen verweigern, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Verantwortung füreinander übernehmen?
Wenn die Entwicklung wie in der Biotechnologie Grenzen des bisher technisch Machbaren überschreitet, dann müssen wir uns über ethische Grenzen neu verständigen, die wir zum Schutz der Menschenwürde beachten wollen. Denn Freiheit gibt es nur, wo auch Verantwortung existiert. Wenn wir unseren Wohlstand so erzeugen, dass künftige Generationen durch die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen schlechtere Lebensbedingungen zu erwarten haben, dann müssen wir den Gerechtigkeitsbegriff des Grundgesetzes auch als Generationengerechtigkeit verstehen. Klimaschutz ist - so verstanden - gelebte Verfassung.
Mit unserem Grundgesetz haben wir eine großartige Verfassung. Als Grüner bin ich stolz auf diese Verfassung. Dolf Sternberger hat eine solche Haltung einmal Verfassungspatriotismus genannt. Doch auf die Verfassungswirklichkeit kommt es schließlich an.
Das Grundgesetz ist eine Verfassung der Freiheit. Es stellt Freiheit in ein positives Verhältnis zur Verantwortung. Freiheit ohne Verantwortung wird zur Unfreiheit vieler. Verantwortung ohne Freiheit kann ihre Ziele nie erreichen und führt zu Fundamentalismus und Intoleranz. Gesellschaften, deren Wertebasis zerfällt, neigen dazu, durch Wertefundamentalismus gegenzusteuern. Mann kann dies an der verbissen geführten Wertediskussion in den USA gut beobachten.

Aber die Stabilität gelebter Werte kann nicht durch moralische Kreuzzüge erreicht werden. Werte brauchen Freiheit, sie brauchen pluralistische Ausdeutung, sie brauchen die Reibung, die sich aus Vielfalt ergibt, und sie brauchen Toleranz. Beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen wird dies deutlich.

Doris Schröder-Köpf, die Frau des Bundeskanzlers, hat jüngst gefordert, dass sich die Familien wieder mehr um Werte kümmern sollten. Damit hat sie eine wichtige Debatte angestoßen, denn Familien, wie auch immer sie heute aussehen mögen, sind in der Tat primäre Instanzen zur Vermittlung von Werten. Doch wir überfordern die Familien, wenn wir nicht auch über die gesellschaftlichen Zusammenhänge sprechen, in denen sie leben. Wenn brutale, egoistische Ellbogentypen das Leitbild der Erfolgreichen in unserer Wirtschaft geworden sind - ein Leitbild, das die Medien tausendfach multiplizieren-, dann sind die Eltern schnell überfordert, wenn sie alleine für die Erziehung zur sozialen Solidarität zuständig sind. Wenn Verwertung Vorrang vor Werten eingeräumt wird, dann lassen wir Eltern im Stich, die für die Werteerziehung zuständig sein sollen. Wenn Handys das Symbol der Wichtigen geworden sind, dann werden Eltern sich schwer tun, ihren Kindern den Wunsch nach einem Handy mit guten Gründen abzuschlagen.
In der demokratischen Gesellschaft gehen Werte alle an. Alle sind Vorbilder für alle Kinder. Nicht nur an der Ampel. Das sind wir den Kindern, aber auch den Eltern schuldig. Die Eltern haben natürlich eine besondere Verantwortung bei der Vermittlung von Werten. Zur Ausübung dieser Verantwortung brauchen Eltern und Familien den Schutz der Gesellschaft. Sie brauchen Zeit, Anerkennung und Respekt.
Die gesellschaftlich betreuende und umsorgende Infrastruktur für Kinder ist entscheidend. Deswegen brauchen wir qualifizierte Kinderbetreuung für alle Altersstufen. Nicht Verwahrung, sondern pädagogisch gute Betreuung. Deswegen brauchen wir die Reform unserer Schulen, die soziales Lernen in den Vordergrund rückt. Das Lernen in der Schule muss auch den Umgang mit Wertekonflikten zum zentralen Inhalt haben.
Schließlich brauchen wir Chefs in der Wirtschaft, die Väter und Mütter mit Kindern unterstützen und die Flexibilität zugunsten der freien Zeit für Kinder zum Markenzeichen ihrer Firmenphilisophie machen. Die Global Players müssen sich mit Windeln, Masern und Märchen auskennen. Es gehört zur gesellschaftlichen Verantwortung, der sich die Wirtschaft stellen muss, diesen Wertewandel in den Firmen Wirklichkeit werden zu lassen.
Und nicht zuletzt brauchen wir die Bereitschaft auch von Menschen, die keine Kinder haben, Verantwortung für Kinder zu übernehmen, zum Beispiel in praktizierter Nachbarschaft. Das alles hilft den Eltern und schafft Freiräume für tatsächliche und nicht nur proklamierte Werteerziehung.
Unsere Familien müssen uns in vielerlei Hinsicht mehr wert sein. Wenn wir ihnen mehr aufhalsen, wächst die Kluft zu denen, die keine Kinder haben. Das macht Eltern und möglichen Eltern Angst. Eine Gesellschaft, der Kinderlärm stört, hat keine Kinder verdient. Ihr Wertegerede ist wertlos.