|
Indische Software-Schmieden
|
| Aus: Die Globalisierungsfalle - Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand. Hans-Peter Martin, Harald Schumann; Rowohlt 1997, S. 144 ff.
Bereits Ende der 1980er Jahre begannen die Chef-Entwickler kalifornischer Softwarefirmen wie Hewlett-Packard, Motorola oder IBM, neue Fachleute aus Indien zu Niedriglöhnen anzustellen. Zeitweilig orderten sie ganze Charterflugzeuge mit den begehrten Aushilfskräften. "Brain shopping", Hirne kaufen, nannten sie das Sparkonzept. Die örtlichen Software-Experten widersetzten sich zunächst der Billigkonkurrenz, und die Regierung unterstützte sie. Sie gewährte indischen Computerspezialisten nur noch in Ausnahmefällen die notwendigen Visa-Vermerke.
Doch den amerikanischen Software-Ingenieuren nutzte das wenig. Viele Firmen verlagerten einfach wichtige Teile ihrer Datenarbeit direkt nach Indien. Neu-Dehlis Regierung bot ihnen in zehn eigens eingerichteten Sonderzonen die gesamte notwendige Infrastruktur fast kostenlos, vom klimatisierten Großraumlabor bis zur Satellitenverbindung. Binnen weniger Jahre stieg die "Electronic City" der Millionenstadt Bangalore im Zentrum des indischen Hochlandes zu Weltruhm auf. Siemens, Compaq, Texas Instruments, Toshiba, Microsoft und Lotus - alle Global Player der Computerbranche unterhalten inzwischen Filialen oder geben Entwicklungsarbeit bei ortsansässigen indischen Subunternehmen in Auftrag. |
|
Insgesamt beschäftigt die Software-Industrie des Subkontinents etwa 120.000 Absolventen der Universitäten von Madras, Neu-Dehli und Bombay. Sie brachten ihren Unternehmen im Jahr 1995 umgerechnet über 1,2 Milliarden Dollar Umsatz ein, zu zwei Drittel aus dem Export ihrer Dienstleistungen. Weil jedoch der Boom in Bangalore den Autoverkehr verfielfachte und die Luftverschmutzung unerträglich werden ließ, aber auch das anhaltende Massenelend die Gemüter belastet, fällt die Stadt schon wieder zurück. Die Software-Schmieden weichen aus und bevorzugen neuerdings Poona. | |
Zehn Jahre nach dem harmlosen Start mit dem indischen Personalversand nach Kalifornien ist an den Heimatstandorten der Branche in den USA, Westeuropa und Japan nichts mehr wie es war. In Deutschland strichen allein die drei Computerriesen IBM, Digital Equipment und Siemens-Nixdorf seit 1991 mehr als zehntausend Stellen, nicht nur, aber auch wegen des Aufbaus ihrer Filialen in Bangalore. Ebenso nutzen viele Unternehmen, die umfangreiche Datenmengen zu verarbeiten haben, das Angebot von Indien. Swissair, British Airways und Lufthansa gaben große Teile ihrer Buchhaltung bei indischen Subunternehmen in Auftrag. Die Deutsche Bank läßt von ihrer Tochterfirma in Bangalore die EDV-Systeme ihrer Auslandsfilialen warten und ausbauen. Inder entwickelten auch das Logistik-Konzept für die Containerkais in Bremerhaven oder Steuerprogramme für die Hamburger Intercope, die unternehmenseigene Telekomnetze organisiert. Das Motiv für die Expansion nach Indien ist stets das gleiche: Die dortigen Mitarbeiter sind an englischsprachigen Universitäten hervorragend ausgebildet und kosten dennoch nur einen Bruchteil ihrer Kollegen im Norden.
Seit 1990 drängt eine weitere Million qualifizierter Informatiker auf den Markt - aus Russland und Osteuropa. Schon erledigt eine Firma in Minsk arbeitsintensive Wartungsarbeiten für IBM Deutschland per Satellit. Die deutsche Software AG läßt in Riga programmieren, und die Daimler-Benz-Tochter Debis vergibt Programmieraufgaben nach St.Petersburg. Dort werde noch günstiger angeboten als in Indien.
Globalisierung der Wirtschaft - Die Weltwirtschaft 2025
Indien 2025: Indien - der Wachstumsstar
Mit 1,4 Milliarden Einwohnern wird Indien 2025 gleichauf mit China sein. Das Land zählt zu den großen Gewinnern der nächsten zwanzig Jahre. Mit einem Wirtschaftswachstum von 5,5% jährlich wird Indien zur drittgrößten Volkswirtschaft noch vor Japan aufsteigen. Ursache: Die Öffnung der Märkte und der Gesellschaft wird schnell voran gehen. Unabhängig von der schlechten Infrastruktur wird sich Indien über das Internet seinen Weg in die Weltspitze bahnen. Dabei helfen das traditionell gute Mathematik-Verständnis und die aus Kolonialzeiten stammenden Englisch-Kenntnisse in weiten Teilen der Bevölkerung. Schlaue Inder werden als Dienstleistungsspezialisten weltweit vernetzt und vertreten sein und eine harte Konkurrenz für europäische und amerikanische Entwickler werden. Trotzdem wird das Einkommen pro Kopf mit 6.000 US-Dollar weiter am unteren Ende angesiedelt bleiben.
12. Juli 2005: IBM will 14.000 Jobs in Indien schaffen
Indiens Informatiker haben die Welt erobert. Das Land setzt auch auf Pharmaforschung, Nano- und Bio-Tech. Doch neben den neuen Tempeln der Wissenschaft herrscht weiter Armut... DIE ZEIT 23.06.2005 Nr.26 ... mehr...
INDIEN - Teil 1: Staat - Geschichte - Benares - Goa - Die Bundesstaaten - Fotos
INDIEN - Teil 2: Die Menschen - Die Wirtschaft - Monsanto, mit Gift und Genen - Die Naxaliten
Deutsch-indische Technologiebrücke
Markt des Monats
Indien [Aus dem IXPOS-Archiv]
Das indische "Software-Wunder"
Programmieren in Indien: IBM will jährlich 168 Millionen sparen
2003: Outsourcing-Pläne lassen Microsoft-Angestellte zittern
2003: Indien ruft: Offshore Outsourcing krempelt IT-Wirtschaft um
"Der soziale Genozid der halben Menschheit"
Indiens Agrarkrise - kein Ende der Bauernselbstmorde
Standort Deutschland. muz-online.de zum Thema Arbeit und Globalisierung
|
|