Mein Erlebnis in Tirumala

Mahabalipuram/Lakshmi Lodge 15. Juli 1994
Um 7:00 bin ich aufgestanden. Schnell ein Toast, einen Tee und dann zur Bushaltestelle. Ich wollte heute den Ort Tirumalai besuchen, der laut Reiseführer neben Rom der bedeutendste Pilgerort sein soll. Mit dem Bus fuhr ich von Mahabalipuram zuerst nach Chengalpatty, von dort ging es weiter nach Kanchipuram und dann nach Tirupati. Hier musste ich einen weiteren Bus nehmen, der mich schließlich nach Tirumalai brachte.
Es war bereits 16:00 als ich dort ankam. Es herrschte eine erstaunlich lebendige Atmosphäre. Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen zog es zum Venkateshvara-Tempel um im Innern des Tempels in den Genuss des Darshan ("Anblick") der Gottheit, der nach der Mythologie eine Inkarnation von Maha-Vishnu ist, zu gelangen.

Sri Venkateshvara, oder auch Balaji, das Licht des Universums, gilt als allgegenwärtig, allwissend und allmächtig. Er ist überall und im Herzen eines jeden Suchenden. Sein Wohnort ist Sri Vaikunta. Und er soll sich selbst in Tirumalai manifestiert haben. Aufbewahrt in Tirumalai und im Herzen eine jeden Menschen, beherrscht Sri Venkateshvara mit seinen Begleitern Sri Lakshmi und Sri Padmavathi Amma das Universum. So wird er in ganz Indien aber auch außerhalb Indiens verehrt.
Habe ich während der vergangenen drei Wochen meines Indienaufenthaltes eher ein bequemes, unspirituelles Lodge-Leben geführt, spürte ich hier in Tirumalai, auf dem siebten Berg des Herrn der sieben Berge von Tirupati gelegen, wie die indische Spiritualität und Religiosität mich wieder zu begeistern begann.

Tirumala

Durch die schmalen Gänge, die zum Hauptheiligtum führen, schoben sich Massen von Menschen jeglichen Alters und Geschlechts. Sie brauchen im Normalfall 4 bis 5 Stunden um bis zur Gottheit zu gelangen, eine aus purem Gold gefertigte mannshohe Statue, um Segen und Darshan zu erhalten.

Tirumala

Die Menschen kommen aus allen Regionen Indiens. Viele männliche Pilger hatten ihren Kopf als Zeichen der Demut kahl geschoren, hatten nackte Oberkörper und die Zeichen ihres Glaubens auf die Stirn gemalt. Ich lernte einen jungen Pilger aus Dehli kennen, der mir sagte, dass Touristen einen besonderen Gang nehmen könnten, für den man aber 30 Ru bezahlen müsse. Das war kein Problem. Wir stellten unsere Schuhe vor jenem Eingang ab und kauften als Opfergabe für weitere 30 Ru eine Kokosnuss und Zuckersüßes sowie ein kleines silbernes Donationplättchen auf dem unterschiedliche Motive eingraviert waren. Mein Plättchen zeigte eine menschengestaltige Figur - dieses Motiv soll für allumfassende Gesundheit stehen. Ein spezieller, für die Donationplättchen vorgesehener Behälter, musste nun einmal in Uhrzeigerrichtung umrundet werden.

Dann wurde das Plättchen in den Behälter geworfen. Natürlich musste dieser Vorgang mit der entsprechenden Hingabe vollzogen werden. Aber die hatten wir sowieso, und wer sie noch nicht hatte, der konnte es hier lernen. Am Eingang wurden mir von einem Priester auf Stirn und Hals die Hinduzeichen gemalt, um meinen Hals legte er eine zuvor gesegnete Mala mit Holzperlen.
Wir wurden zu einem kleinen Vortempel geführt, wo bereits eine kleinere Menschenschlange wartete. Der Tempelraum war von einem leisen Om-Klang erfüllt, der mich sogleich erfüllte. Jeder musste mit seinen Opfergaben zum Pujaplatz, wo drei Priester die Erdpuja zelebrierten und dabei die Opfergaben und jeden Besucher segneten. Als ich an der Reihe war, fragte einer jener Priester vor einer Gottheit nach meinem Namen und nahm dann meine Opfergaben entgegen, die einem weiteren Priester übergeben wurden. Dann eröffnete er eine kleine Puja.

Während der Priester heilige Verse rezitierte, durfte ich von dem heiligen Feuer den Rauch mit meinen Händen aufnehmen und ihn über Gesicht und Haare streichen. Als weiteres gab der Priester mir gesegnetes heiliges Wasser zu trinken. Dann wurde ich von ihm gesegnet. Er nahm mit einer kleinen silbernen Schale den Rauch auf und setzte sie mir auf mein Haupt, dann sprach er meinen Namen und einige weitere segnende Worte. Zuletzt nahm ich die geopferten Gaben als Prasadam in Empfang.

Der nächste kam an die Reihe und automatisch wurde ich weitergeschoben in Richtung Hauptheiligtum. Bald schon vereinigte sich der Touristengang mit dem für die Allgemeinheit vorgesehenen Gang. Ein unglaubliches Gedrücke und Geschiebe setzte nun auf den letzten Metern ein und der Om-Ton und die stimulierenden Düfte wurden noch intensiver. Ich gelangte in einen rauschähnlichen Zustand, wo ich völlig hingegeben war und mich bereitwillig von der Masse schieben ließ. Mein Denken war abgeschaltet. Dann war es soweit. Von einem bestimmten Punkt aus konnten wir die Gottheit Sri Venkateshvara in etwa zehn Meter Entfernung erblicken. Der Raum war schwarz, nur die goldfarbene Gottheit leuchtete in einem forttragenden milden Licht. Die Hände hielten wir in Gebetshaltung -- Govinda! Voller Demut nahmen wir für wenige Sekunden das göttliche Darshan in Empfang. Dann wurden wir von der nachfolgenden Menge weiter vorwärts geschoben bis wir uns wieder am Ausgang des Tempels befanden.

Außerhalb des Tempels nur wenige Meter von ihm entfernt, war eine Tribüne aufgebaut auf der viele Menschen saßen und auf die Dämmerung warteten. Eine weitere Bühne war aufgebaut, auf der die Miniaturgottheit aufgestellt war. Zahllose kleine Spiegel reflektierten das Licht der vielen kleinen Öllichter, die nun, es war etwa 18:00, angezündet wurden. Die Priester eröffneten die Zeremonie. Vishnu wurde angerufen und es wurde ihm gedankt. Einige Hindus, die eine besondere Spende gegeben hatten, saßen auf speziellen Sitzplätzen direkt vor der Bühne. Sie erhielten von den Priestern blaue (für Frauen und Kinder) und weiße Tücher (für Männer). Die Zeremonie bestand aus Anrufung und Gesang. Am Ende leuchtete die ganze Bühne.

Tirumala
Tirumala

Dann wurde die Gottheit in einer Art Prozession von der Bühne in den Tempel getragen. Vorneweg liefen stolz zwei heilige, wunderschön dekorierte Elefanten, dem zwei Fackelträger mit der Gottheit und schließlich die Pilger folgten.
Mein indischer Begleiter half mir nun ein Hotelzimmer ausfindig zu machen, doch waren alle Zimmer belegt. Ich entschied, wieder zurück nach Mahabalipuram zu fahren und mein Begleiter wollte wieder nach Delhi.
Zuerst fuhren wir mit dem Bus nach Tirupati - es war bereits 19:00. Um 21:00 sollte noch ein Bus nach Mahabalipuram fahren, doch war dem nicht so. Auch ging kein Bus mehr nach Kanchipuram. Was blieb war ein Bus nach Renigunta. So hatten wir beide noch einen ziemlich langen gemeinsamen Weg vor uns. In Renigunta ging dann ein Zug nach Delhi und auch nach Madras. Hier trennten sich unsere Wege.

Als mein Zug abfuhr war es bereits 22:00. Für 37 Ru kaufte ich ein 2.Klasse Ticket. In einem Sleeper-Abteil, für das ich eigentlich 30 Ru mehr hätte zahlen müssen, ließ ich mich aber nieder. Ich hatte das Abteil für mich und konnte mich somit von diesen wunderbaren Eindrücken des heutigen Tages erholen. Um 1:15 fuhr mein Zug in Madras ein. Auf dem Bahnhof wurde ich sofort von einem Scooter-Driver angesprochen. Er war bereit, mich für 350 Ru nach Mahabalipuram zu fahren. Als ich endlich in meiner Lodge war, war es 4:00 früh. Zwei Touristen saßen noch herum. Wir rauchten etwas gemeinsam, ich erzählte etwas von meinem Trip, dann ging ich schlafen. Irgendwie war der Tag ziemlich anstrengend aber supergut...die Zeitlosigkeit in dem Tempel, der Moment der Transzendenz - das sind unvergessliche Erlebnisse, die mir sagen, dass es zwei Wahrheiten gibt - die relative weltliche mit all ihren Erscheinungen und die absolute göttliche, die transzendente Stille und ewigliche Glückseligkeit ist - und das leise Rauschen des Om-Tones begleitete mich durch die Nacht...
Rainer Kurka

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