Berlinisch - ein kleines WörterbuchAus: Das kleine Berlin Lexikon. Berliner Schnauze mit Herz. Hrsg. Berliner Sparkasse in Zusammenarbeit mit Peter Schlobinski (Berlin, Philologe) und Radio Berlin 88,8. 06/2007. Weitere www-Links |
MUCKEFUCKWegen des hohen Kaffeezolls unter Friedrich II. bauten französische Gärtner Zichorie an. Die Wurzeln wurden geröstet und gemahlen und gaben als Zusatz dem dünnen Kaffeeaufguss wenigstens eine tiefschwarze Farbe. Dieser so genannte Kaffee wurde von den Franzosen "cafe prussien" oder auch als "mocca faux" bezeichnet. Aus diesem gefälschten, nachgemachten Kaffee, dem mocca faux, wurde bei den Berlinern Muckefuck. Die Sprachwissenschaft hält eine Zusammensetzung aus dem Wort "Mucke" - also brauner Holzmulm - und "fuck" (faul) für plausibel. KINKERLITZCHENKinkerlitzchen ist im Volksmund die Bezeichnung für ein wertloses Schmuckstück. In Berlin wird Kinkerlitzchen allgemein auch als albern, nichtig oder unsinnig benutzt. Dabei muss nicht das ganze Produkt ein Kinkerlitzchen sein, ein Einzelteil z. B. an einem Auto genügt. Das Wort wird aber auch im Zusammenhang mit Albernheiten oder verrückten Gedanken gebraucht, die jemand im Kopf hat. Das Wort aus dem Französischen geht auf die Ansiedlung der Hugenotten zurück. Aus der "quincaille" - dem Eisenwaren- und Werkzeughandel - wurde durch Anhängung von litz und der Verkleinerungsform chen im Volksmund Kinkerlitzchen. FISIMATENTENDas Wort Fisimatenten kommt aus dem Französischen. Wenn der Soldat zu spät zu seinem Quartier zurückkehrte und von der Wache angehalten wurde, gab er als Ausrede "J'ai visite ma tante" - also einen Besuch bei der Tante - an, was natürlich als fadenscheinige Entschuldigung erkannt wurde. "Machen Se keene Fisimatenten" - keine faulen Geschichten. Eine andere Deutung sagt aber auch, dass die napoleonischen Soldaten willige Mädchen einluden, sie in ihrem Zelt - "Visitez ma tente!" - zu besuchen. Wenn die jungen Töchter dann ausgingen, warnten die Mütter beim Abschied: "Mach mir keine Fisimatenten!" |
DIE SCHRIPPEDiese besondere berlinische Bezeichnung des Brötchens von der Form des bayerischen Kipferls hat die Form einer "aufgerissenen Rinde". Die genaue Herkunft des Begriffes ist ungeklärt. Der ebenfalls benutzte Ausdruck "Bemme" hingegen kennzeichnet eine "geschmierte Brotschnitte" (Berliner Stulle). Der Begriff Bemme wird aber sehr selten verwendet und ist somit keine ernsthafte Konkurrenz für den Begriff Schrippe. Als "olle Schrippe" bezeichnen Berliner mitunter Frauen, die nicht mehr so aussehen wie das ersehnte Frühstücksgebäck: also zum Anbeißen. Der Begriff Schrippe ist seit dem späten 18. Jahrhundert eine beliebte Berlin-Vokabel. KNORKEDer genaue Ursprung des Wortes knorke ist unklar. Entweder stammt das Berliner Wort für prima oder großartig von dem Wort knorrig - also kraftvoll - ab, mit der niederdeutschen Verkleinerungssilbe -ke, oder es war ein Reimwort zu dem Berliner Wort Lorke - wobei Lorke so viel wie dünner Kaffee bedeutet. Möglich ist aber auch, dass das Wort knorke eine Ableitung aus der Posse "Die Familie Knorke" des Varieteekomikers Rudolf Melzer ist. Fest steht jedenfalls, dass das Wort etwa seit dem Jahr 1920 in Berlin sehr populär war. Kurt Tucholsky schrieb schon im Jahr 1924, das Wort sei veraltet, seitdem erfreute es sich aber phasenweise immer wieder größter Beliebtheit. Das Wort knorke ist heute in gleicher Bedeutung übrigens auch in der Ruhrgebietssprache zu finden. BOLLEMit Bolle meint der Berliner einen Supermarkt. Seinen Namen verdankt der Supermarkt dabei Carl Bolle. Er hatte 1881 seine "Provinzial-Meierei" eröffnet und damit den Berliner Sprachschatz vehement belebt und erweitert. "Bimmelbolle" nannten ihn die Zeitgenossen, weil Bimmeljungs mit der Glocke die Milchwagen ankündigten. Bolle gibt es heute in zahlreichen Verbindungen. So meint etwa die "varrückte Bolle, die nüscht anbrennen lässt" eine resolute Berlinerin, die keinen Scherz auslässt Und auch der Ausdruck "Preise wie bei Bolle" verdankt seinen Ursprung Carl Bolle. Das Wort steht aber auch für Armbanduhr, Kartoffel und Loch im Strumpf. Der Begriff "sich wie Bolle amüsieren" fußt hingegen auf dem Berliner Lied mit dem Kehrreim "Aber dennoch hat sich Bolle janz köstlich amüsiert". |
SCHEESEWenn ein Berliner von einer Kutsche oder einem Auto als von einer Scheese spricht, so wird in den Wörterbüchern oft auf das englische "chase" hingewiesen. Das Englische hatte aber, als sich das typische Berlinerische im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte, keine Bedeutung. Anders verhält es sich beim französischen Wort "la chaise", der Stuhl - wobei im übertragenen Sinne die Kutsche sozusagen als fahrbarer Stuhl gemeint ist. Wahrscheinlicher ist aber die Variante, nach welcher der in Berlin ansässige Hugenotte Philippe de Chieze, ein Techniker, einen abgefederten Reisewagen konstruierte, die damals sehr geschätzte "Berline". Diese Kutsche nannten die Berliner nach ihrem Konstrukteur Chieze in ihrer Aussprache Scheese. ALLEIm Sinne von "aufgebraucht" oder "verbraucht" spricht man im Berlinischen von alle. "Äpfel sind alle, kaufen Se Pflaumen." Es wird anekdotisch von zwei hugenottischen Schwestern berichtet, die am Zugang Jungfernbrücke ihre handgearbeiteten Stickereien und Klöppelarbeiten feilboten. Wenn ein bestimmtes Muster ausverkauft war und gerade dieses verlangt wurde, war die Antwort: "C'est alle" - es ist ausgegangen, aufgebraucht. Aus dem französischen "alle" wurde für die Berliner alle. "Meine Moneten sind ejal alle" - das Geld ist ohnehin ausgegangen. PIEFKE
In Berlin meint "Piefke" einen kleinen Jungen bzw. steht für einen Prahler oder einen Wichtigtuer (bei den älteren Berlinern noch bekannt). Ebenso geläufig für den kleinen Jungen sind in Berlin die Ausdrücke Knirps oder Rotznase. Ursprünglich ist Piefke die norddeutsche Form von "Pfeifchen", was hier so viel wie kleiner Penis meint. PINTEDie Pinte bezeichnet seit einigen Jahrzehnten ein Trinklokal, auch Kneipe genannt. Der Begriff wurde von Studenten geprägt und ist vor allem bei jüngeren Leuten geläufig. Der Begriff Kneipe wird meist für Eckkneipen benutzt, besonders verbreitet ist er in Arbeitervierteln. Das ebenfalls für Trinklokal stehende Berliner Wort Budike wird hingegen heute fast gar nicht mehr benutzt. Es leitet sich vom französischen Wort "boutique" ab. Pinte war ursprünglich übrigens ein Flüssigkeitsmaß, das dann später zum Wirtshauszeichen wurde. GÖREDer Begriff Göre (gesprochen Jöre) als Synonym für ein freches Kind ist inzwischen deutschlandweit bekannt. Häufig wird behauptet, das Wort gehe auf das englische Wort "girl" zurück. Wahrscheinlicher ist aber eine Ableitung aus dem mitteldeutschen Wort "gurre" - das bedeutet so viel wie "schlecht". Früher wurde z. B. von einer "gurren Stute" gesprochen, später wurde das Wort möglicherweise auch auf den Menschen bezogen. Das Wort ist schon seitdem 16. Jahrhundert geläufig. KEULEDas Wort Keule steht für Bruder. Ebenso häufig verwenden die Berliner für Bruder auch das Wort Atze. Atze heißt so viel wie speisen, füttern oder nähren. Eine genaue Ableitung für das Wort Keule ist aber nicht bekannt. Auffällig ist, dass in einigen Berliner Bezirken eher das Wort Atze, in anderen das Wort Keule geläufig ist. Keule war dabei besonders beliebt im Stadtteil Wedding, in Zehlendorf wurde hingegen meist von Atze gesprochen. |
DUFTEWenn der Berliner etwas dufte findet, dann meint er, dass er etwas auch schnieke findet. Anderswo in Deutschland würde man wohl von chic sprechen. Das Wort dufte leitet sich von "tow" - also "gut" - ab und ist in Berlin gegen 1900 aufgekommen. Schnieke geht auf das Wort "snicker" zurück, das heißt so viel wie gestriegelt. Auffällig ist, dass Männer überdurchschnittlich häufig das Wort dufte benutzen, Frauen hingegen etwas eher schnieke finden. BULETTEDas Wort Bulette ist in Berlin sehr weit verbreitet. Kaum jemand spricht in der Hauptstadt von einer Frikadelle. Witzig sind die Begriffe, die in Berlin weiterhin für Frikadelle genannt werden: etwa Bäckerbraten, verzauberte Schrippe oder Kampfbrötchen. Die genaue Entstehung des Wortes ist unbekannt - vermutlich wurde es aus dem französischen "boulette" (Fleischklößchen) übernommen. Es kam im 19. Jahrhundert bei der Besetzung Berlins durch die Franzosen auf. |
STULLEDie Berliner Variante für die Scheibe Brot kommt wohl aus dem Niederdeutschen. Stulle heißt dort "Stück, Brocken". Das Wort entwickelte sich im 17. Jahrhundert zur Bedeutung "kleiner Brotleib" und wird seither in Berlin als Begriff für die "bestrichene Brotschnitte" benutzt. Das Wort Stulle ist vor allem auch in der Prignitz und im Ruppiner Land verbreitet. MITTENMANGIn der berlinischen Variante für mittendrin schwingt das Wort "mang" aus dem Französischen mit. Es heißt so viel wie "drin". DER SECHSADer Sechser bezeichnete zunächst eine Münze im Wert von sechs Pfennigen, im 19. Jahrhundert dann einen halben Groschen. Sechser ist ebenso wie "Groschen" fest im Sprachschatz der Berliner verankert. Bis vor einigen Jahren wurde der Begriff für das 5-Pfennig-Stück benutzt. Heute bezeichnet er auch das 5-Cent-Stück. PULLEWer einen Schluck aus der Pulle nimmt, trinkt aus einer Flasche. Das Wort stammt aus dem lateinischen "ampulla". Im Niederdeutschen wurde daraus dann erstmals das Wort Pulle. Selten wird in Berlin für die Flasche auch das Wort "Buddel" benutzt - es stammt vom französischen Wort "bouteille". BEKLOPPTDas Wort bekloppt ist eines der beliebtesten Berliner Wörter. Es stammt aus dem Niederdeutschen und heißt übersetzt so viel wie "taub". Jedoch gibt es für bekloppt in Berlin zahlreiche andere Begriffe, die ebenso häufig benutzt werden. So etwa meschugge, malle oder dusselig. Das Wort dusselig leitet sich übrigens vom Wort "dus", also Tor, ab. PINKELDer feine Herr, der übertrieben vornehm tut, wird im Berlinischen abfällig als feiner Pinkel bezeichnet. Hier ist unklar, ob das Wort sich vom englischen Wort "pink", also "schön", ableitet oder seinen Ursprung im hebräischen "pinka" - also Geldbüchse - hat. Das im 18. Jahrhundert in Berlin aufgekommene Wort Fatzke hingegen stammt eindeutig von dem mittelhochdeutschen Verb "fatzen" - also sich possenhaft aufführen - ab. BERLINER MOLLEDie Berliner Molle ist für ein Bier in Berlin ebenso geläufig wie etwa in Bayern die Maß. Das Wort stammt von dem norddeutschen Wort "Mulde" ab. Neben der Berliner Molle gibt es noch den Ausdruck "eine Blonde" - gemeint ist dann ein Berliner Weißbier. AUFPUCKELNIm Hochdeutschen würde man sagen: "Mir hat jemand Arbeit aufgeladen." Der Berliner sagt: "Die Mistarbeit krieg immer ick uffjepuckelt." Das Wort leitet sich vom Wort buckeln - also einen Buckel machen - ab. ETEPETETE"Mann, der is etepetete", hört man von vielen Berlinern. Das Wort stammt vermutlich aus dem Niederdeutschen und leitet sich vom Wort "öt(e)" ab, was so viel wie zärtlich oder überfein heißt. Unwahrscheinlich ist hingegen die Ableitung aus dem französischen "etre peut-etre" - also: im Zweifel sein. JEGEND"Ne schöne Jegend is dit hier", sagt der Berliner. Jegend bezeichnet in diesem Falle unwirkliche Orte oder Plätze sowie Gegenden außerhalb von Berlin. Die Redensart geht zurück auf die Glasbrenner: "Weit und breit nüscht wie Jegend" - also: überall nur reine Landschaft. GRIEBENDas Wort Grieben stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet dort so viel wie ausgelassene Fettwürfel. Gemeint sind aber nicht nur die gebräunten Fettrückstände beim Auslassen von Gänseschmalz, sondern auch ein Ausschlag am Mund - also Herpes. Denn Herpes wird häufig durch zu fettes Essen hervorgerufen. KANONE"Dit Stück is unter aller Kanone." Wenn ein Berliner das sagt, meint er: Das ist unter aller Kritik. Das Wort stammt aus dem lateinischen "sub omni canone" - wobei die Kanone eigentlich die Richtschnur, also den Bewertungsmaßstab von Schülern bezeichnet. Der Kanonenstöpsel hingegen bezeichnet eine dicke Person. RAFFKEAls Raffke oder auch Raffzahn bezeichnet der Berliner jemanden, der in kurzer Zeit viel Geld zusammengerafft hat. Es ist eine Ableitung aus dem Mittelhochdeutschen "raffen" - also zupfen oder eilig an sich reißen. Schleichhändler, Emporkömmling, Kriegsgewinnler, Wucherer, ungebildeter Neureicher. Gehört zu "raffen = gierig an sich reißen", "Raffer = Habgieriger". Umgeformt in Berlin mit der für dort typischen Endung -ke. Aufgekommen bereits im späten 19. Jahrhundert, vermutlich in der Gründerzeit. Allerdings wurde die Vokabel vor allem seit 1918/19 sehr gebräuchlich. FATZKEAls Fatzke bezeichnet der Berliner einen aufgeblasenen Menschen. "Sie oller Fatzke" - auch Appelfatzke oder Hannefatzke genannt. Das Wort leitet sich vermutlich aus dem polnischen Vornamen Wacek ab - der Name wiederum geht auf den tschechischen Vaclav zurück. Möglich ist auch die Ableitung vom frühniederdeutschen "fazen" - was so viel wie spotten heißt. Weitere Wörter in alphabetischer Reihenfolge:
www-Links und Literatur
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