Zu Besuch im Département Drôme

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Drôme? Dieses Département kennt kaum jemand, es ist selbst in Frankreich so unbekannt wie Marsanne oder etwa Oberaula. Doch wer auf der Fahrt in den Süden rechtzeitig abbiegt, kommt aus dem Staunen und Schwelgen nicht mehr heraus.

Die meisten fahren schnurstracks die Rhône entlang, um auf der "Route du Soleil" von Lyon nach Marseille und zum Meer zu gelangen. Sie lassen die Drôme einfach links liegen. Dabei könnten sie hundert Kilometer südlich von Lyon abfahren bei Tain l'Hermitage, wo auf Kalkboden alte, kraftvolle Weine reifen, bei Valence, der größten Stadt der Drôme. Oder bei Montélimar, wo Zuckerbäcker seit Generationen Mandeln, Pistazien, Eiweiß, Lavendelhonig und Zucker zu weißem Nougat verschmelzen, in manchen Backstuben mit einem Hauch Orangenaroma verfeinert und mit Schokolade ummantelt. Was für ein Land: ein wenig rau und spröde im Norden, flach und fruchtbar im Tal der Rhône im Westen, lieblich hügelig in der Mitte, wo sich das Flüsschen Drôme durch das Département schlängelt. Zerklüftet, mehr als 2000 tannen- und schneebedeckte Meter hoch in den Gebirgszügen des Vercors im Osten. Und schließlich weich und lavendeltrunken und marktbunt im Süden.

Früher war die Drôme reines Agrarland, und die Menschen züchteten außerdem für feines Tuch Seidenraupen. Heute ist selbst der verhaltene Tourismus schon wichtiger als die Landwirtschaft, und Feriengäste schlafen in restaurierten alten Gehöften in Zimmern, in denen einst die Raupen gemästet wurden.
Die Drôme ist seit dem Mittelalter mit Dörfern getupft, die mit ihren trutzigen Steinhäuschen um ein Steinschloss und eine Steinkirche und von einem trutzigen Wall umringt auf einer Anhöhe angelegt sind. Viele der Villages perchés, der "befestigten Dörfer", wurden in (Nachbarschafts-)Kriegen zerstört, andere zerbröselte die Zeit. Als die Revolution den Adel vertrieb, als der Platz innerhalb der Dorfmauern zu eng und es immer unpraktischer wurde, für die Arbeit auf den Feldern und in den Fabriken hinab und abends wieder hinauf zu steigen, ließen sich die Menschen im Tal nieder.
Sie bauten ein neues Dorf, das alte verfiel. In Bordeaux blicken wir hinauf zu zwei Wänden des früheren Schlosses, die sich über Baumwipfel hinweg stumm anschauen. Einige der alten Dörfer sind nur noch ein Haufen Steine, andere wurden seit den 1960er Jahren liebevoll restauriert. So zum Beispiel das Dorf Mirmande, das nur 15 gemütliche Landstraßenminuten von Marsanne entfernt, auf einem Hügel liegt, wo im Frühling rosé und weiß die Kirsch- und Pfirsischbäume blühen und das ganz offiziell eines der schönsten Dörfer Frankreichs ist. Und tatsächlich ist das ganze Dorf heute schmuck anzusehen, wie es sich auf den Hügel drängelt, überragt von ein paar Zypressen, die dem Mistral trotzen. Darunter wachsen aus holprigen Kopfsteingassen links und rechts die steingrauen Häuser heraus, mit zartgrünen oder blassroten Fensterläden und warmem Licht hinter den Scheiben, die alten Holztüren hängen schief in den Angeln, viele Steine sind bemoost, hier und da klafft eine Lücke.
Im Winter, wenn die Touristen fort sind, verlassen viele Einwohner ihre abgeschiedenen Dörfer.
Noch abgeschiedener als Mirmande ist nur noch Auriples, und das sogar im Sommer.
In Buis-les-Baronnies, ganz im Süden der Drôme, findet jeden ersten Mittwoch im Juli Europas größte Lindenblütenmesse statt, wo ganze Ballen für Tee verkauft werden.

Brigitte, Nr.11/2002, S.141 f.