Nasse Gräber

Aus: Globale Klimaveränderungen und News zum Treibhauseffekt
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Die Pegelstände der Ozeane steigen, die Anzahl von Stürmen und Überflutungen nimmt zu. Verschwinden die Inselstaaten im Pazifik von der Landkarte? Die Südseerepublik Kiribati befürchtet ihren Untergang.

Als eine der "King Tides" vor fünf Jahren erstmals über die Uferstraße schwappte und die Grasfläche um das Haus unter Wasser setzte, begann Itjenang Joane, 39, Steine zu sammeln. Bei Ebbe ging er hinaus aufs Riff, schleppte Korallenbrocken heran, die er am Ufer zu einer Mauer aufschichtete.

Mächtig ist der Wall seither gewachsen: Fast zwei Meter hoch türmen sich die flachen Brocken auf einer Länge von rund 60 Metern.

In Sichtweite der von Joane gebauten Barriere gegen die "Königsfluten", die alljährlich um die Jahreswende gegen die flachen Atolle branden, sind eher plumpe Schutzvorkehrungen gegen die Hochwasser zu sehen. Verrostete Motorenblöcke, Drehgestelle von Schiffskränen, Radgestänge und Autoreifen wurden auf dem Riff abgelagert.

Ihr Nutzen hält sich offenbar in engen Grenzen: Am Ufer liegen Kokospalmen mit frei gespültem Wurzelwerk. Das Bild der Verwüstung passt zu der Klage, die Teburoro Tito, Präsident der Republik von Kiribati, immer aufs Neue formuliert: "Oh, unser geliebtes Mutterland versinkt im Meer."

Mit seinem Wehmutsruf möchte der Präsident die Aufmerksamkeit der Welt auf eine Gefahr lenken, die vielen Inselstaaten im Pazifischen Ozean droht: Als Folge von Treibhauseffekt und globalem Klimaumschwung dehnen sich die Wassermassen aus, der Meeresspiegel steigt, die Anzahl wuchtiger und wirbelnder Winde nimmt zu, den Folgen sind die niedrig liegenden Atolle schutzlos ausgeliefert.

Um bis zu 3,50 Meter, so hatte die US- Umweltbehörde Mitte der achtziger Jahre kalkuliert, würden in diesem Jahrhundert die Pegel der Ozeane ansteigen.

Inzwischen wurden solche Horrorzahlen auf Werte zwischen 20 und 100 Zentimeter heruntergestuft. Doch selbst diese abgeschwächte Prognose "bedeutet für uns den sicheren Untergang", sagt Nakibae Teuatabo, 55. Er bekleidet im Umweltministerium von Kiribati seit drei Jahren den Posten eines "Klimaumschwung-Koordinators". Teuatabo will seinen Landsleuten klarmachen, dass sie das, was sie an ihren Häusern, ihren Gräbern, ihren Brunnen und ihren Kokospalmen beobachten, "einer Entwicklung verdanken, zu der sie kaum beigetragen haben, von deren Folgen sie aber unmittelbar betroffen sind" - dem Treibhauseffekt mit seinen möglichen Auswirkungen auf das Weltklima.

Die Republik Kiribati besteht aus 33 Atollen, die sich im Pazifik über eine Fläche von 3,6 Millionen Quadratkilometern erstrecken. 99,9 Prozent des Staatsgebietes sind Wasser. Die nutzbare Landfläche von 720 Quadratkilometern wird bevölkert von rund 85 000 Menschen, von denen ein Drittel auf den Hauptinseln des Tarawa-Atolls leben - in einem, so Teuatabo, "höchst zerbrechlichen Ökosystem".

Zwischen 50 und 250 Zentimeter über Normalnull ragen die an ihren schmalsten Stellen nur wenige Meter breiten Inselchen aus dem Wasser. Beim Anflug auf den Flughafen von Tarawa erfüllt der Blick auf die Atolle das Postkartenklischee traumhafter Südsee-Idylle: lichtflirrende Gestade im Meer mit grünem Kern, weißen Stränden und blauen Lagunen.

An Land bleibt von dem paradiesischen Eindruck die offene und freundliche Art übrig, mit der die Bewohner den Besuchern Auskunft geben. Fast jeder hat eine Geschichte zu erzählen von den seltsamen Veränderungen, die sich seit ein paar Jahren im täglichen Inselleben bemerkbar machen.

"Es ist sehr viel heißer und trockener als früher und auch nicht mehr so grün", sagt Teiangatoa Kienene, 82. Sie lebt zusammen mit Tochter und Enkeln im Haus ihres Schwiegersohns Itjenang Joane. Um ihren Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie zu leisten, dreht sie Tabakstrünke in Pandanusblättern zu Zigaretten, die sie an einen nahe gelegenen Kiosk verkauft.

Betero Kaitangare, 65, hat sich vor einigen Jahren am Lagunen- und Straßenrand ein Haus gebaut, an dessen Vorderfront er einen kleinen Laden einrichtete. Im Januar unterspülten die Fluten die Rückseite, die Wand brach weg. Kaitangare schickte seine Frau und seine Enkel zu Verwandten in ein höher gelegenes Gebiet. Um sein Stück Land nicht zu verlieren, muss er regelmäßig die Steinmauer zur Lagune ausbessern.

Der frühere Fischer Mikaere Tawaia, 52, bestreitet seinen Lebensunterhalt damit, dass er das einzige Krankenhaus im Staat mit selbst angebautem Kohl und Salat beliefert. Seine Ernteerträge sind üppig: wöchentlich 30 Kilogramm. Bewährt hat sich eine sinnreiche Konstruktion, mit deren Hilfe Tawaia Wasser aus vier Meter Tiefe auf seine Beete pumpt. Aber seit einiger Zeit gehen die Erträge zurück. Das Wasser, erklärt Tawaia, sei zunehmend salziger, das beeinträchtigt das Wachstum: "Die Kohlköpfe werden kleiner."

Von Tawaias Einkünften leben außer seiner eigenen sechsköpfigen Familie auch noch sein Bruder und zwei Neffen, die bei ihm Zuflucht gefunden haben. Der Grund: Eine der jüngsten "Königsfluten" hatte Haus und Hof des Bruders unter Wasser gesetzt und unbewohnbar gemacht.

Folge der Flut sei es auch gewesen, berichtet Gemüsebauer Tawaia, dass man das Grab der verstorbenen Eltern, die traditionell auf dem Grundstück beerdigt worden waren, auf einen höher gelegenen Friedhof verlegen musste.

Versalzenes Grundwasser, lang andauernde Dürreperioden, verdorrende Kokospalmen, überflutete Anwesen - dennoch: die derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Daten reichen nicht aus, um den Verdacht zu erhärten, "all diese Geschehnisse stünden mit den globalen Klimakapriolen in Verbindung", schränkt Teuatabo ein.

Deshalb, so der Umweltexperte, sei auch jede Diskussion um eine Evakuierung der Insulaner verfrüht, Pläne für eine Umsiedlung gebe es nicht. Sichergestellt sei, sagt Teuatabo, dass "die Regierung als Letzte von Bord gehen" würde: Das neue Parlamentsgebäude, derzeit im Bau, liegt 3,60 Meter über Normalnull. Zudem: "Wo sollen wir hin? Auf andere Inselreiche im Pazifik? Die haben doch die gleichen Probleme wie wir."

Anfang April dieses Jahres trafen sich die Umweltbeauftragten von 22 pazifischen Staaten und Territorien in Rarotonga auf den Cook Inseln, um über die möglichen Folgen eines Klimaumschwungs zu beraten. Vordringlich seien der Einsatz und die Verbesserung wissenschaftlicher Geräte und Methoden, um verlässliche Daten über den Pegelanstieg im Pazifik zu erlangen.

Im Pazifik wollen die Ökologen 3000 Bojen aussetzen; sie sollen Temperatur und Salzgehalt des Ozeans bis auf eine Tiefe von zwei Kilometern erfassen und die Daten an internationale Zentren versenden. In Rarotonga waren sich die Umweltexperten auch darüber einig, dass die bereits verfügbaren Messdaten besser ausgewertet und dann in politische Leitlinien umgesetzt werden müssten.

Bisher sei es "ausgesprochen mühsam", so die Erfahrung Teuatabos, "Politikern wissenschaftliche Daten und Ergebnisse zu vermitteln". Seit November letzten Jahres besitzt die Republik Kiribati ein "Umweltgesetz", dessen Bedeutung "allerdings jetzt erst einmal den zuständigen Beamten und Sachbearbeitern erklärt" werden müsse.

Ob Kiribati langfristig auf der Weltkarte verzeichnet bleiben wird, kann derzeit niemand sagen. Die Inselstaaten sind so knapp bei Kasse, dass sie die erforderlichen Küstenschutzmaßnahmen wie Deiche oder Anpflanzung von Mangroven, die in Kiribati die Erosion verlangsamen würden, nicht bezahlen können.

"Die reichen Länder müssten wenigstens teilweise die Kosten unserer Küstensicherung übernehmen", so Teuatabo. Stattdessen, klagt er, würden viele Industrienationen sogar internationale Vereinbarungen wie das Kyoto-Protokoll, das eine Reduzierung der Treibhausgase vorsieht, nur zögerlich umsetzen oder hintertreiben. "Vielleicht liegt es daran, dass wir so wenige sind und deshalb vergessen werden", sinniert der Umweltschützer. In der westlichen Welt würden jedes Jahr Millionen Dollar ausgegeben, um vom Aussterben bedrohte Arten zu schützen.

Teuatabo: "Bald werden auch wir dazugehören."

RAINER PAUL