INHALT
- 1. Bedingungen internationaler
Verständigung
- 2. Nationale Paradigmen in
Europa
- 3. Bewertung nationaler
Paradigmen in der europäischen Tradition
- 4. Modellfall Österreich
- 4.1. Entwicklungstendenzen deutscher und österreichischer Geschichte
- 4.2 Österreich von der Gegenreformation zum Reformabsolutismus
- 4.3. Das 19. Jahrhundert; das Ende der Habsburgermonarchie
- 4.4 Österreichbewußtsein in der ersten und zweiten Republik
- 5. Österreichische Literatur
und internationale Verständigung
- 6. Möglichkeiten des
Multikulturalismus: Österreich und Australien
1. Bedingungen internationaler
Verständigung
Eine der Grundbedingungen für die
"internationale" Verständigung ist das Verständnis für die Frage nach der
Ausbildung spezifischer "nationaler" Gesellschafts- und Kultursysteme, nach den
Möglichkeiten, das Fremde, das Andere in den Kontakten dieser Systeme zu
verstehen. Der Vortrag von Arlt handelt von
Kunst- und Kommunikationssystemen in der modernen Welt; mein spezifisches
Interesse ist vor allem literarisch - es liegt auf dem Gebiet der Wortkunst, die
mit dem Material der Sprache arbeitet. Mich interessiert, wie man sich zwischen
verschiedenen Sprachen im breitesten Sinne des Wortes verständigen kann, welche
Übersetzungsmöglichkeiten es zwischen unterschiedlichen Sprach-, Kultur- und
Gesellschaftssystemen gibt und welche Möglichkeiten ausgebildet werden können,
um zwischen verschiedenen Mentalitäten zu vermitteln.
Die meisten Vorträge dieser Konferenz fußen auf
Aspekten der Problematik Mittel- und Osteuropas. Ich will darüber sprechen, wie
man gerade auf Grund der historischen Traditionen und kulturellen Gegebenheiten
dieser Region Modelle für eine multinationale, vielsprachige, potentiell
pluralistische Verständigung entwickeln kann. Dazu eignet sich die nationale
Problematik Österreichs und der gesamten historischen Region der ehemaligen
Habsburgermonarchie besonders gut.
Sie wird weitgehend bestimmt durch ihre widerspruchsvolle Stellung im vielsprachigen,
multiethnischen, multinationalen Mitteleuropa und die Existenz verschiedener
Kultursysteme innerhalb des deutschen Sprachgebiets. Deutsch ist eine
plurizentrische Sprache, die in verschiedenen Gesellschafts- und Kultursystemen
(wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz) in eigenen nationalen
Standardvariationen benützt wird. Diese standardsprachlichen Formen wurden den
historischen Gegebenheiten und Bedürfnissen der heutigen Nationen entsprechend
herausgebildet und modifiziert, werden aber von allen als Variationen der
deutschen Sprache angesehen und verstanden.
So entstanden komplizierte Verständnisse und Mißverständnisse - es ist weniger deutlich, einem anderen, fremden Kultursystem gegenüberzustehen, solange man sich innerhalb desselben Sprachbereichs bewegt, als wenn man zwischen verschiedenen Sprachen übersetzen und vermitteln muß. Die
Verschiedenheiten deutschsprachiger Gesellschaften haben natürlich ihre
Parallelen auch in anderen Sprachbereichen - solche Probleme gibt es zwischen
englischem, amerikanischem und australischem Englisch, dem Französisch in
Europa, Kanada und Afrika, den Sprachen der iberischen Halbinsel und
Lateinamerikas, Indiens und Chinas und vieler anderer ähnlich differenzierter
Sprachsysteme der Welt. Die Geschwindigkeit und Intensität der Herausbildung
solcher sich gegeneinander abgrenzender Standardsprachsysteme kann heute gut an
den Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Teilen des nach über
vierzigjähriger Trennung wiedervereinigten Deutschlands abgemessen werden. Sie
haben meines Erachtens sicher auch sprachliche Wurzeln?
Sprachprobleme und Übersetzungsfragen dieser Art
müssen bedacht werden, wenn es um internationale Verständigung geht, um das
Verständnis der Prozesse nationaler und kultureller Identifikation und
Selbstidentifikation verschiedener Gesellschaftssysteme. In der deutschen
Publizistik gibt es heute Zeichen von Ungeduld mit solchen Fragestellungen;
aggressiv wurde jüngst im Feuilleton der "Zeit" der Begriff "nationale
Identität" angegriffen, der "unter Intellektuellen Konjunktur" habe und "dem
Leser Beklemmung verursache".
Natürlich kann auch bei einer Konferenz wie der
unseren die Frage gestellt werden: warum heute noch über "nationale Identitäten"
sprechen und diskutieren - in einer immer mehr globalisierten,
vereinheitlichten, medial völlig "vernetzten" Welt? Offensichtlich ist ja ein
Zustand der "Weltkommunikation" verwirklicht, Goethes Vision einer
"Weltliteratur" ist scheinbar schon weitgehend zur Realität geworden. Die
Erfahrungen des letzten Jahrzehnts demonstrieren aber deutlich: ein Denken in
rein globalen Kategorien konnte bisher nicht verwirklicht werden. Menschen haben
das Bedürfnis, zu Gruppen zu gehören, die zwar weit über persönliche, familiäre
und engste regionale Kontakte hinausgehen können, aber doch noch nicht universal
und weltumfassend sind. Sie identifizieren sich mit Einheiten mittlerer,
vermittelnder Größe, die man Staaten und Nationen nennt, und die vielleicht in
unseren Tagen modernsten übernationalen kontinentalen Gebilden wie Europa oder
Amerika Platz machen. Wahrscheinlich geht es hierbei um Fragen langer
historischer Zeitspannen, um anthropologisch erklärbare Erinnerungen an das
Leben in Stämmen, Horden und kleinen übersichtlichen Gruppen, in denen eine
volle gesellschaftliche Identifikation noch möglich war. Sie bildeten wichtige
Bausteine moderner Nationen. Diese Entwicklungen sind noch wenig erforscht.

2. Nationale Paradigmen in
Europa
Für mich geht es hier um den "Prozeß der
Zivilisation" im Sinne von Norbert Elias, in dem die Pazifizierung kleiner
lokaler Machthaber, das Entstehen größerer, zentralisierter Staatsgebilde die
Voraussetzung für Modernisierung und weitere ökonomisch-technologische
Entwicklung wurde. Es waren Formen absolutistischer Herrschaft, die vorerst
dynastisch und religiös legitimiert waren, dann aber zu komplexeren Systemen
heranwuchsen.
Aufklärung und der Prozeß der Säkularisation forderten Legitimierungen in nationalen
Ideologien für staatliche Rationalisierung und Organisation; sie befriedigten
proto-religiöse Bedürfnisse und verbanden sich auch mit neuen demokratischen
Institutionen und sozialen Forderungen.
Die neue, immer extensivere Literatur über Fragen
des Nationalismus betont immer wieder die Komplexität des Nationsbegriffs die
Mischung oft sehr disparater Elemente und Tendenzen, die dann zu Bausteinen
nationaler Konstrukte und Ideologien wurden (Hobsbawn, 1992; Anderson, 1993).
Meist ging es in Europa um die oft ambivalente, widerspruchsvolle
Weiterentwicklung der griechischen Traditionen des "Demos" und "Ethnos". Nation
als "Demos" kann gesellschaftliche, staatliche Organisation und Rationalität,
die Summe demokratischer Forderungen im "täglichen Plebiszit" der Staatsbürger
bedeuten (E. Renan).
Der Begriff
der Nation kann aber auch auf "Ethnizität" beruhen; entscheidend wird dann die
Evokation von "Volk" und "Volkstum", von gemeinsamer Sprache, Religion, Herkunft
und mythisierter Tradition. Die beiden Konzepte sind keineswegs säuberlich
trennbar. Aus beiden konnten sich im späten 19. Jahrhundert Gefahren exklusiver
und chauvinistischer Haltungen allen "Fremden" und "Anderen" gegenüber
entwickeln. Stark wurde gerade auch im Gefolge der sprachnationalistisch
legitimierten Einigungsbewegungen von Deutschland und Italien die Definition der
Nation als einer Sprachgruppe betont, die auf einem Territorium lebte, dieses
Gebiet exklusiv beherrschte und sich so das Recht nahm, Menschen anderer
Herkunft und Sprache mit allen Mitteln zu assimilieren, zu vertreiben oder
selbst auszurotten. Im ethnisch und sprachlich stark gemischten Mitteleuropa
mußten alle solche Forderungen - wie sie implizit auch im
"Selbstbestimmungsrecht der Völker" der nach 1918 siegreichen Wilsonschen
Prinzipien niedergelegt waren - bis heute zu Katastrophen und furchtbaren
Erschütterungen führen.
Mein Verständnis der Problematik Mitteleuropas
ist stark von den Ansichten ungarischer Soziologen und Historiker wie Oszkár
Jászi und István Bibó beeinflußt - ihr Schüler Jenö Szücs entwickelt in seiner
Studie über "die drei historischen Regionen Europas" eine vereinfachende aber
doch erhellende Unterscheidung zwischen dem "westlichen" und "östlichen"
Entwicklungsparadigma des Kontinents (Szücs, 1990). Im Westen erkennt er eine
auf der Entstehung starker autonomer wirtschaftlicher und politischer Kräfte
beruhende Konstellation, in der letztlich der Staat von der Gesellschaft
geschaffen werde, während im Osten die Gesellschaft viel eher vom Staat bestimmt
wird; für Mitteleuropa konstatiert er Mischformen dieser Paradigmen. In der
"östlichen" Konfiguration kann Reform und Erneuerung nur "von oben" kommen; das
Establishment und die Bürokratie initiieren sprunghafte Modernisierungsschübe,
wie wir sie jüngst mit Termini wie Perestroika und Glasnost beschreiben.
Daraus ergaben sich sehr verschiedene Funktionen
von Kunst und Literatur - im Westen wurden sie vorerst von verschiedenen Formen
des Mäzenats getragen und dann von der freien Konkurrenz des kapitalistischen
Marktes bestimmt - sie konnten sich zunehmend vom unmittelbaren politischen
Druck emanzipieren und wurden neben manchen anderen direkten Formen der
Meinungsbildung zum Ausdruckmittel einer modernen Öffentlichkeit. Im "östlichen"
Paradigma blieben Kunst und Literatur "von oben" bestimmt. Sie wurden oft zur
Lenkung der öffentlichen Meinung benützt, durch Manipulation der Zensur in
"Tauwetter"-Perioden auch zur Unterstützung von Reformen und
Modernisierungsschüben.
Literatur
konnte so zum Ersatz für eine noch nicht existente politische Öffentlichkeit
werden und erhielt eine im westlichen Literaturbetrieb nicht bekannte hohe
gesellschaftliche Relevanz. Allerdings steht diese künstlerische Betätigung
unter schwerem Zensurdruck. Sie wird vielfach gezwungen, sich einer "äsopischen
Sprache" zu bedienen und mit Hilfe komplexer Verschlüsselung eine vielschichtige
polyphone Kommunikation zu entwickeln. So kann sie gegen Fremdbestimmung von
oben, Kolonisationsdruck und Unrecht protestieren und den Platz des Individuums
in der gegebenen Gesellschaftssituation darstellen. Kunst wird so auch zum
wichtigen Mittel nationaler Selbstidentifikation.

3. Bewertung nationaler
Paradigmen in der europäischen Tradition
In der gesamteuropäischen Tradition gab es seit
dem späten 18. Jahrhundert sehr verschiedene Bewertungen des Nationalismus. Die
konservative Tradition neigte dazu, die Bedeutung von nationaler Identifikation
auf ethnischer Basis in den Vordergrund zu stellen. Der romantische
Nationalismus betonte die Wichtigkeit von Volk, Sprache, Religion, Ursprung und
Gemeinschaft, entwickelte später faschistische, rassistische Varianten und lebt
auch heute in aggressiven, inhumanen Formen nationalistischer und
fundamentalistischer Ideologien weiter.
Die europäische Aufklärung betonte eher die
"Demos"-Aspekte nationaler Selbstbestimmung. Sie war geneigt, von
universalistischen Ideen des Christentums, den Säkularisierungsprozessen von
Renaissance und Humanismus ausgehend, den Menschen als Gattungswesen auf dem Weg
zur Entwicklung zu Freiheit und Gleichheit zu betrachten. Im Zivilisations- und
Modernisierungsprozeß wurde Fortschritt und Rationalität in wohl organisierten
Staatssystemen der Vorzug gegeben. Dominant war eine positive Bewertung von
Uniformierung, Normierung und Zentralisierung, die jeder partikularen
Differenzierung, jeder ethnisch-nationalen Identifikation ohne Verständnis und
letztendlich auch feindlich gegenüberstand. Eine interessante Konfrontation von
aufgeklärtem Staatsdenken und entstehendem ethnischen Nationalismus in der
mitteleuropäischen Region mußte Kaiser Joseph II. erfahren. Er wollte 1784 aus
Gründen instrumentaler "aufgeklärter" Zweckmäßigkeit Deutsch als Amtssprache in
Ungarn einführen, um den Gebrauch des Latein zu ersetzen: dies führte zu seiner
größten Überraschung zu explosivem nationalistischen Widerstand. Nie
verstanden die absolutistischen Herrscher europäischer Imperien, daß der moderne
ethnische Sprachnationalismus eine stark emotional besetzte Kategorie ist, die
auf anderer Bewußtseinsebene liegt als staatliche Modernisierung und
Rationalisierung.
Aber auch für aufgeklärte Intellektuelle und
Revolutionäre des 19. Jahrhunderts blieb der ethnisch-sprachliche Nationalismus
unverständlich. In den USA und im revolutionären Frankreich waren moderne
demokratische Staatsnationen im Sinne der Aufklärung geschaffen worden.
Revolutionäre Aufklärer vermuteten Königs- und Priestertrug hinter religiösen
und nationalen Unterschieden. Für radikale Denker der Linken wie Heine,
Saint-Simon oder Marx war es selbstverständlich, daß mit dem Fortschritt zur
freien und gleichen modernen Gesellschaft religiöse Glaubenssysteme ebenso wie
ethnisch-sprachliche Gruppenmerkmale "absterben" und verschwinden würden. Man
sah sie als Überreste anachronistisch gewordener Unwissenheit. Im klassischen
Marxismus wurde meist jede ernsthafte Reflexion über Fragen der Ethnizität als
störend für die Emanzipation der Menschheit betrachtet - die Artikulation der
Problematik des Nationalismus blieb den Kräften des Konservatismus überlassen.
Aber französische Jakobiner, russische wie chinesische Kommunisten praktizierten
in ihren brutalen Versuchen der Auslöschung aller ethnischer Unterschiede
dieselbe Rücksichtslosigkeit, derer sie die Kolonialherren der imperialistischen
Nationalstaaten Europas zu Recht anklagten.
Es war der große Schock des 20. Jahrhunderts zu
erfahren, daß ethnisch-sprachlich bedingte Nationalismen - ebenso wie religiöse
Überzeugungen - trotz aller technologisch-aufgeklärter Fortschritte weiter
lebten. Sie verbanden sich mit sozialen und politischen Forderungen zu
explosiven nationalen Mythen, dienten zur Legitimation vernichtender Weltkriege
und verbrecherischer totalitärer Diktaturen. Das Verständnis dieser Prozesse
wurde durch Sprachtabus und Sprachregelungen der Linken bis zur rebellischen
Generation der Achtundsechziger fatal erschwert.
Es war die "Tendenzwende" der siebziger Jahre in
den entwickelten westlichen Industriegesellschaften, die die Frage nach
"nationaler Identifikationen" im ganzen Spektrum der Intelligenz diskutierbar
machte. Die Suche nach "Wurzeln" und "Heimat", die Postulierung von "small is
beautiful", die "Nostalgiewelle" und die Hoffnung auf globale Möglichkeiten
eines friedlichen Zusammenlebens von Menschengruppen sowie von Mensch und
natürlicher Welt wurden zu Grundlagen für eine neue Definition von moderner
"Ethnizität" und nationaler Identität. Im deutschen Sprachraum stellte Jürgen
Habermas 1974 die Frage: "Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige
Identität ausbilden?"
Er beantwortete sie im Sinne der modernen Zivilgesellschaft mit der Forderung nach
der Verbindung demokratischer und internationaler Elemente in der modernen
Selbstidentifikation von Nationen. All dies steht im Kontext der Ideen und der
Kunstauffassung der Postmoderne, die die "Auflösung der großen Erzählungen",
fundamentalistischer Ideologien und des rein instrumentellen
Fortschrittsglaubens fordert. Es gibt jetzt neuartige Möglichkeiten
multidimensioneller Selbstidentifikationen der Menschen nach Geschlecht,
Altersgruppe, sozialer Zugehörigkeit, Religion, mit voller Wahlfreiheit in
komplexen pluralistischen Gesellschaften. Auch Ethnizität und Sprache können
hier eine wichtige Rolle spielen.
Die Jahre um 1989 brachten einen neuen Schock für
utopische Aufklärungsideologen. Es mußte erkannt werden, daß das Ende der
Sowjetunion und des Kalten Krieges keineswegs ein "Ende der Geschichte" (F.
Fukuyama) bedeutete, sondern das Entstehen und Erstarken neuer Diktaturen, neuer
Fundamentalismen mit sich brachte. Verständnislos standen aufgeklärte
Intellektuelle Manifestationen nationalistischer Ideologien und Bestrebungen
gegenüber, die die Wichtigkeit des historischen Langzeitgedächtnisses für
gesellschaftliche Gruppen, Völker und Nationen demonstrierten. Sie waren dem
Zerfall Jugoslawiens und der Sowjetunion gegenüber ebenso hilflos, wie der
Änderung des Schlagworts "Wir sind das Volk" zu "Wir sind ein Volk" im Prozeß
der Wiedervereinigung Deutschlands. Das erstaunte und empörte Unverständnis
sowjetischer Apparatschiks, bundesdeutscher Schriftsteller und westlicher
Politiker angesichts dieser Entwicklung hat viel Ähnlichkeit mit dem Schock, den
Joseph II. und seine Ratgeber vor 200 Jahren beim ersten explosiven Erscheinen
nationalistischer Ideologien erfuhren. Es geht hier um die Verständnislosigkeit
eines eindimensionalen Aufklärungsdenkens der Komplexität der modernen Welt
gegenüber. Es war für mich interessant zu beobachten, wie streng
mathematisch-monetaristisch orientierte angelsächsische Wissenschaftler nach
ihrer völligen Fehlkalkulation der Stärke der Sowjetunion ihre Rhetorik
änderten. Sie begannen plötzlich darüber zu sprechen, daß es doch wohl wichtig
sei, neben den "hard facts" der ökonomischen Statistiken auch "soft factors",
das heißt kulturelle, historische, emotionale Motivationen im gesellschaftlichen
Leben besser zu verstehen.
In diesem Kontext kann wohl gesehen werden, daß
es seit zwei Jahrzehnten ein wachsendes Interesse für Erscheinungen und Begriffe
wie Staat, Nation, Sprache, Volk, Region und Gesellschaft gibt. Es geht nicht
mehr um den exklusiven ethnischen Sprachnationalismus des 19. Jahrhunderts,
sondern um Möglichkeiten einer neuen Selbstidentifikation innerhalb von modernen
pluralistischen Industriegesellschaften. Es gibt vorzügliche neue Publikationen
und seriöse wissenschaftliche Seminare, die zeigen, wie lebenswichtig es für die
neue Weltgesellschaft ist, die Sprachlosigkeit, das traumatisierte Schweigen
über diese Probleme zu überwinden. Man versucht, neue Terminologien zu finden,
die einen vernünftigen Umgang mit dieser Problematik ermöglichen. Allerdings
gilt in vieler Hinsicht bis heute noch immer die Diagnose von Norbert Elias in
seinen "Studien über die Deutschen" aus der Mitte der sechziger Jahre: "In der
Regel unterliegt die leidenschaftslose Erforschung nationalistischer oder
patriotistischer Glaubensdoktrinen bis heute einem recht starken Denkverbot: sie
ist sozial tabuiert" (Elias, 1989, S.205). Diese Feststellung ist besonders
wichtig im vielsprachigen, multinationalen Mitteleuropa mit den Traditionen
erbitterter nationaler Konflikte der letzten Jahrhunderte - und ist vielleicht
am relevantesten im deutschen Sprachbereich mit der Erinnerung an die
furchtbaren Verbrechen, die hier in der Hitlerzeit im Namen des Nationalismus
verübt wurden.

4. Modellfall Österreich
4.1. Entwicklungstendenzen deutscher und österreichischer Geschichte
Zum Verständnis solcher
Kommunikationsschwierigkeiten und belastender, tabuisierter Erinnerungen scheint
der Prozeß der modernen Selbstidentifikation Österreichs ein wichtiger
Modellfall zu sein. Natürlich entwickelten sich mit dem Erstarken des
aggressiven modernen Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts im
Vielvölkerstaat der Habsburger besonders scharfe Gegensätze zwischen einzelnen
Sprachgruppen. Der rassistische Antisemitismus trat offen zu Tage, aber es gab
auch Versuche, über ein zivilisiertes Zusammenleben verschiedener ethnischer
Gruppen nachzudenken. Gleichzeitig erschienen jedoch gerade in dieser Region
schwerwiegende Verständigungsprobleme zwischen deutlich verschiedenen
Gesellschaftssystemen desselben Sprachbereiches, die sich als Ergebnis
historischer und sozialer Gegebenheiten herausgebildet hatten. Es geht hier um
die schon anfangs erwähnten Unterschiede zwischen gleichsprachigen
Gesellschaften plurizentrischer Sprachbereiche, in denen gerade der Gebrauch
derselben Sprache, die scheinbar problemlose Übersetzung zwischen nationalen
Standardvariationen zum Hindernis internationaler Verständigung wird.
Viele Probleme der Ausbildung und Verbalisierung
des modernen Österreichbewußtseins haben ihre Wurzeln in der Doppelfunktion der
Habsburger als Herrscher des Heiligen Römischen Reiches und Territorialherren
ihrer ausgedehnten, vielsprachigen Erblande. Hier entstanden die Widersprüche,
die auch nach dem Ende des Reiches und der Annahme des österreichischen
Kaisertitels (1804) die Geschichte der Donaumonarchie weitgehend bestimmten und
bis heute in der historischen Langzeiterinnerung der Österreicher weiterleben.
So erweckt etwa der Terminus "Reich" bei ihnen im Adjektiv "reichsdeutsch" ganz
andere Assoziationen als in der modernen Staatsbezeichnung "Österreich" (vgl. G.
Stourzh, 1990, S.25-27; 47-49).
Wichtig war für die Profilierung einer
österreichischen Selbstidentifikation unter anderem auch die grundlegend
gegensätzliche Entwicklungsproblematik Deutschlands und Österreichs. Nach der
Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges bekamen im alten Reich bald die
protestantischen Kleinstaaten das Übergewicht. Die ökonomische und
gesellschaftliche Entwicklung forderte zunehmend die Einigung der
deutschsprachigen Territorien des zersplitterten Landes im Sinne der
Nationalstaaten des Westens. Im Laufe des 18. Jahrhunderts bildete sich eine
Intelligenz heraus, die in der Bildungsideologie der Goethezeit die
humanistischen, kosmopolitischen Ideen der Aufklärung zum Projekt einer Einigung
Deutschlands als Kulturnation der "Dichter und Denker" entwickelte. Trotz
großartiger literarischer Werke und philosophischer Systeme war die
Gesellschaftsutopie der deutschen Klassik und Romantik völlig hilflos gegenüber
den Kräften der "Realpolitik" des Absolutismus. Zur Zeit der Französischen
Revolution und der Napoleonischen Kriege stand sie in engster Verbindung mit
einem ethnisch bedingten Sprachnationalismus, der von Herder und besonders von
Fichte ausgehend die Legitimation für den preußischen Weg der Reichsgründung
lieferte. Deutlich sah Heine schon um 1833 die Gefahren, die der Glaube an
deutsches Volkstum und der aggressive Gebrauch der teutonischen Mythologie für
ganz Europa bedeuten würden.
Nach der Ausschaltung demokratischer Alternativen
in der Niederlage der Revolutionen von 1848/49 wurde die Einigung Deutschlands
1871 mit Ausschluß Österreichs durchgeführt. Sie geschah im Sinne eines
aktivistischen Glaubens an die Notwendigkeit der Schaffung eines modernen
Nationalstaates, der seinen Platz im Konkurrenzkampf mit anderen Staaten Europas
mit allen Mitteln rücksichtslos verwirklichen mußte. Die grundlegende Haltung
und Mentalität, die für den Erfolg dieser Bestrebungen notwendig war,
unterschied sich entscheidend von den historisch bedingten Problemen des
Habsburgerreiches.

4.2 Österreich von der Gegenreformation zum Reformabsolutismus
Seit dem 16. Jahrhundert waren die Habsburger die
Herrscher über ihre vielsprachigen, multiethnischen Erblande.
Gesellschaftssysteme auf verschiedensten Stufen ihrer ökonomischen und
politischen Entwicklung waren durch die drohende Expansion des Osmanenreiches
zusammengebracht worden. Sie wurden durch Dynastie und Kirche nach einer brutal
durchgeführten Gegenreformation zusammengehalten. Die Kultur des Barock förderte
repräsentative Kunstübung; Musik, Theater und Architektur dienten dem Ausdruck
der imperialen Bestrebungen des Hofes und der Macht der Kirche. Die strikte
Zensur der Jesuiten unterdrückte weitgehend die Ansätze zur Verbalisierung der
Probleme der Gesellschaft, die Entwicklung einer säkularen Literatur und
Philosophie.
Die Invasion Schlesiens durch Preußen und die
Erfolge Friedrichs II. führten Mitte des 18. Jahrhunderts zur Erkenntnis der
drängenden Notwendigkeit der Modernisierung des Habsburgerreiches, des Aufholens
dem entwickelteren protestantischen Deutschland und dem westlichen Europa
gegenüber. Es folgte eine Periode der Zentralisierung, Bürokratisierung und
Rationalisierung der Monarchie. Administrative, ökonomische und soziale Reformen
wurden durchgeführt - zuerst vorsichtig unter Maria Theresia und dann mit
explosivem, fast revolutionärem Radikalismus durch Joseph II., besonders im
Jahrzehnt seiner Alleinherrschaft (1780-90). Der Reformabsolutismus legte bis
heute bestehende Grundlagen des Rechts- und Wohlfahrtsstaates, der Lese- und
Schreibfähigkeit (auch für die nationalen Gruppen) und eines standardisierten
Sprachgebrauchs. Ein extensiver Büchermarkt entstand, eine neue Intelligentsia
organisierte sich in Freimaurerlogen und schaffte die Ansätze einer modernen
Öffentlichkeit. Die Kirchenreform brachte einen modernisierten, den Intentionen
des Staates weithin entsprechenden Katholizismus. Die Reformbewegung fand ihre
Legitimation in der Ideologie und Terminologie der gesamteuropäischen
Aufklärung. Toleranz und Befreiung wurden zu weit verbreiteten Schlagworten im
Dienste einer pragmatischen Staatspolitik.
Jetzt begann auch eine sich von der Literatur des
protestantischen Deutschland bewußt abgrenzende und unterscheidende
Literaturentwicklung. Neben der im Sinne des aufgeklärten Absolutismus
durchgeführten Reform des "hohen" Theaters blieb das Volkstheater bestehen,
Elemente einer "karnevalistischen Lachkultur" wirkten weiter (M. Bachtin), die
eine Kritik aller Autorität aus der Hanswurst-Perspektive ermöglichten. Wien war
im späten 18. Jahrhundert eine für den deutschen Sprachraum einzigartige
vielsprachige, vielschichtige Großstadt. In enger Verbindung mit dem regen
Musikleben der Stadt förderte diese Atmosphäre die Ansätze zu einer
multiperspektivischen Literatur Wenig ist bis heute die Bedeutung des
Formenreichtums der explosiv einsetzenden Broschürenflut bekannt, die 1781 als
Folge einer weitgehenden Lockerung der Zensurbestimmungen vielschichtige Formen
der Satire, Ironie, Parodie und Groteske in einer Situation des "Glasnost"
entwickelte (Bodi, 1977).
Bald schlug in der europäischen Krisenzeit der
Mitte der achtziger Jahre "konstruktive", obrigkeitlich gelenkte Kritik in
"destruktive" Angriffe auf das ganze System des aufgeklärten Absolutismus über.
Ungeduld mit der weiter bestehenden staatlich-bürokratischen Lenkung der
Literatur schlug bei einigen Autoren in Forderungen der vollen "Publizität der
Staatsgeschäfte" um (Bodi, 1977, S.250-55). Versammlungsfreiheit und selbst
demokratische Institutionen wurden gefordert. Das war aber nicht mehr tragbar
für die Regierungsspitze der Monarchie. Durch die Reformbewegung selbst erweckte
Anfänge moderner nationalistischer Bewegungen bedrohten den territorialen
Bestand des Habsburgerreiches. Die Verschärfung der obrigkeitlichen Kontrollen
im Namen der Aufklärung beleidigte die neuen Gruppierungen der Intelligentsia;
sie kritisierten auch die Halbherzigkeit der Reformen. Breite Volksschichten
sahen keine Besserung ihrer ökonomischen Lage als Kompensation für die Störung
altgewohnter Sitten und Gebräuche sowie die Bürokratisierung und Reglementierung
des Alltagslebens. Zur Zeit
der Radikalisierung der Französischen Revolution konnte auch das diplomatische
Geschick Leopolds II. (1790-92) wenig vom Reformabsolutismus retten. Es gab nur
schwache Proteste, als die Regierung bald nach seinem Tode in einer Reihe von
polizeilich inszenierten "Jakobinerprozessen" der Reformbewegung ein totales
Ende setzte. Raisonierende Intellektuelle wurden zum Schweigen gebracht, die
Zensur in voller Strenge wiederhergestellt, der Gebrauch der
Aufklärungsterminologie verboten, die Erinnerung an die radikale Reformzeit
völlig traumatisiert (1795).

4.3. Das 19. Jahrhundert; das Ende der Habsburgermonarchie
Das System Metternichs beruhte auf dem im
Reformabsolutismus geschaffenen zentralisierten, durchbürokratisierten
Polizeistaat - ein "josephinisches Trauma" jedoch verbot den Gebrauch aller
Aufklärungsrhetorik zur Legitimation der Staatsmacht und diente zur völligen
Unterdrückung demokratischer und nationaler Bestrebungen. Die Grundtendenz der
weiteren Entwicklung Österreichs war in vieler Hinsicht der Entwicklung
Deutschlands diametral entgegengesetzt: es ging nicht um die Schaffung eines
ethnischsprachlich legitimierten neuen Nationalstaates, sondern um Erhaltung
einer traditionellen multinationalen europäischen Großmacht. Es ging nicht um
Bewegung und Änderung, sondern um das Prinzip der Bewegungslosigkeit, die allein
den Weiterbestand des Habsburgerreiches zu sichern schien. So erstarkte eine
eher passive als aktive Mentalität, der ein pragmatisches Denken viel besser
entsprach als der Ausbau theoretischer philosophischer Systeme. Vorsicht,
Mißtrauen und Eigenschaftslosigkeit wurden zu positiven Identitätsmerkmalen
stilisiert, geschlossene Ideologien, zu fundamentalistischer Gewißheit neigende
Utopien zugunsten eines eher pluralistischen Denkens abgelehnt. Übertriebene
Sentimentalität, schwärmerische Metaphysik und Formen der im deutschen Pietismus
wurzelnden Empfindsamkeit wurden oft ironisch-parodistisch umfunktioniert. In
der vielsprachigen, multikulturellen Atmosphäre der Monarchie entstand ein
waches Sprachbewußtsein und eine Sprachkritik, die oft an die Stelle direkter,
expliziter politischer Kritik treten konnte. Das lange Weiterleben starken
Zensurdruckes förderte die Vervollkommnung einer "äsopischen Sprache" für ein
Publikum, das mit größter Sensibilität auch die kleinsten Anspielungen zu
verstehen gelernt hatte. Das Raunzen und Nörgeln zur Untätigkeit verdammter
unzufriedener Bürger wurde literarisch und künstlerisch ebenso thematisiert, wie
das Weiterwursteln eines "durch Schlamperei gemilderten Absolutismus". Der
normativen, elitistischen deutschen Kunstkritik sehr suspekt erscheinende Formen
wie Operette und Feuilleton erhielten in der Donaumonarchie besondere Funktionen
für die gesellschaftliche und inter-ethnische Konsensbildung.
Das ganze 19. Jahrhundert hindurch befanden sich
die deutschsprachigen Österreicher in einer höchst komplexen und
widerspruchsvollen Situation. Sie waren die dominante Sprachgruppe des von
anderen ethnischen und nationalen Gruppen zunehmend als "Völkerkerker"
empfundenen Gesamtstaates. Nach dem Ausgleich mit Ungarn und mit der Entwicklung
einer verschärften Welle des aggressiven Nationalismus in Europa formulierten
auch sie ihre eigene deutsch-nationalistische Identifikation. Andererseits
hatten sie starke Minderwertigkeitsgefühle der durch Sprachnationalismus
legitimierten dynamischen deutschen Entwicklung gegenüber. Deutschnationale
Empfindungen begleiteten die Reichsgründung Bismarcks; "deutsch" war für
österreichische Intellektuelle synonym mit "effizient", "progressiv" und
"modern". Verstärkt wurde diese Ambivalenz durch die Traumatisierung der eigenen
Aufklärungstradition der Donaumonarchie - Nationalliberalismus wie
Arbeiterbewegung übernahmen unreflektiert die deutsche Bildungsideologie der
Goethezeit als Teil ihrer eigenen Tradition. In einer Zeit wachsender
deutschnationaler und rassistischer Strömungen suchten hochpatriotische
assimilierte jüdische Intellektuelle und Schriftsteller Österreichs "ihre Heimat
in der deutschen Sprache". So interferierten auf verwirrendste Weise kakanischer
Staatsnationalismus und deutscher Sprachnationalismus im Bewußtsein
deutschsprachiger Österreicher. Die
Konzepte waren wie aufeinander photographiert, nicht auseinanderzuhalten, und
erschwerten fatal die Artikulation des kulturell-nationalen
Selbstverständnisses. Gesteigert wurden diese Schwierigkeiten auch durch die
Unübersetzbarkeit zentraler Termini aus dem deutschen in einen anderen Kontext:
Begriffe wie "Bildung", "Weltanschauung", "Nation" und "Kultur" hatten in
Österreich nicht dieselbe Bedeutung wie im reichsdeutschen Sprachgebrauch.
Schon jetzt jedoch entwickelten sich in
Österreich Gedanken über pluralistische Lösungsversuche zum Zusammenleben
verschiedener Sprachgruppen, zur Überwindung des aggressiven ethnischen
Nationalismus in der Monarchie und für ganz Mitteleuropa. Vorschläge zur
Donaukonföderation und zur föderalistischen Neuordnung der Monarchie kamen aus
Böhmen und Ungarn." Es ist
wichtig, daß innerhalb der Entwicklung des Marxismus die ersten ernsthaften
wissenschaftlichen Versuche zum Verständnis und zur Lösung nationaler Konflikte
von Austromarxisten wie Otto Bauer und Karl Renner stammen. Vorerst
scheiterten aber alle diese Projekte; der Ausgleich mit Ungarn, der Dualismus,
verschärfte die nationalen Widersprüche der Monarchie und die Identitätskrise
der deutschen Bevölkerung weiter. Vorherrschend blieb die paradoxe Situation
eines Staatsgebildes, das nach Musils Worten "an einem Sprachfehler
zugrundegegangen ist".
Künstlerisch und kulturell hatte diese
Krisensituation aber auch sehr positive Wirkungen - sie war wohl einer der
Gründe für die einzigartige Explosion kreativer Kräfte im Wien des
Fin-de-Siécle, aber auch in Budapest, Prag oder Triest und in anderen Gebieten
der Monarchie. Sie hatte entscheidende Folgen für die ganze weitere Entwicklung
westlichen Denkens und künstlerischen Schaffens in Psychologie, Philosophie,
Literatur, Musik und Malerei, und beeindruckt auch heutige Historiker und
Wissenschaftler immer wieder mit ihrer Modernität und "Postmodernität".
Weitgehend blieben aber Fragen nach staatlichen, nationalen und auch
gesellschaftlichen Zugehörigkeiten aus dem Diskurs der österreichischen
Jahrhundertwende ausgeklammert.

4.4 Österreichbewußtsein in der ersten und zweiten Republik
Mit dem Zerfall der Monarchie und der Entstehung
neuer Nationalstaaten aufgrund des katastrophal unzulänglichen Prinzips des
exklusiv-sprachnationalistisch begründeten "Selbstbestimmungsrechts der
Nationen" bestand die Republik Österreich als "Rest" der Monarchie weiter. Sie
fühlte sich ökonomisch lebensunfähig und wurde von schweren politischen Krisen
und vom Bürgerkrieg erschüttert. Die von Kräften der Rechten wie der Linken
weitergetragene deutsch-nationalistische Selbstidentifikation und die Stärke
rassistisch-antisemitischer Gefühle trugen 1938 zur Hilflosigkeit gegenüber dem
Anschluß an Nazideutschland bei. Schon die ersten Zeiten der politischen und
ökonomischen Gleichschaltung des Landes an den mächtigen Nachbarn ließen jedoch
neben starken Anpassungstendenzen (Stourzh, 1990, S.42-96) kulturelle und
sprachliche Unterschiede deutlicher denn je zuvor hervortreten; wirklicher
Widerstand entwickelte sich aber erst angesichts des verlustreichen und
verlorenen Krieges und der Bereitschaftserklärung der Alliierten, ein
unabhängiges Österreich als "erstes Opfer" des Hitlerreiches zu akzeptieren
(Moskauer Deklaration, 1.11.1943).
Die zweite Republik bedeutete einen
entscheidenden Neubeginn für die Entwicklung der nationalen Selbstidentifikation
der heutigen Österreicher. Zu Recht betont Ernst Bruckmüller, daß die Gründung
der zweiten Republik eine historisch einzigartige zweite Chance für das Land
bedeutete, aus den Fehlern einer früheren Staatsgründung zu lernen (Bruckmüller,
1984, S.27). Viele Illusionen über die Überlegenheit "deutscher Kultur" waren
erschüttert. In den Konzentrationslagern und der Emigration hatten sich
Vertreter der verfeindeten und zutiefst polarisierten demokratischen Parteien
über eine zivilisierte Zukunft Österreichs verständigen können. Der
Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit, Staatsvertrag und Neutralitätserklärung, der
Modernisierungs- und Internationalisierungsschub der Kreisky-Zeit legten die
Grundlagen für die Entstehung eines modernen österreichischen
Nationalbewußtseins. Bis heute leben allerdings Elemente des deutschen
Sprachnationalismus weiter, wie dies die Diskussionen um Karl Dietrich Erdmanns
Thesen (Stourzh, 1990, S. 8-18), um die Wahl Waldheims zum Präsidenten, die
Karriere Jörg Haiders und Demonstrationen von Rassismus und Fremdenhaß
beweisen.
Die Erhebungen der Meinungsforscher zeigen eine
entscheidende Zunahme des Österreichbewußtseins unter anderem mit dem Anwachsen
der Bejahung der Feststellungen "Die Österreicher sind eine Nation" und
"beginnen sich langsam als Nation zu fühlen" von 70% im Jahre 1964 auf 82 %
(1970) und 92 % im Jahre 1993 (Bruckmüller, 1994, S.15). Das Jahr 1991 zeigte
Resultate dieses Prozesses: die kluge Reaktion Österreichs auf den Zerfall
Jugoslawiens sowie Bundeskanzler Vranitzkys offizielles Eingeständnis der Schuld
vieler Österreicher an den Verbrechen der Nazizeit und sein Bekenntnis zur
Verantwortlichkeit der Nation für ihre gesamte Tradition. All dies geschah im
Rahmen eines wachsenden Bewußtseins der Notwendigkeit einer im Sinne der
modernen Zivilgesellschaft formulierten "Europafähigkeit", die bei der
unerwartet erfolgreichen Abstimmung über den Beitritt zur EU im Juni 1994
durchaus bestätigt wurde. Der Erfolg Haiders bei den Wahlen im Oktober wies
allerdings auf die noch bestehenden Unsicherheiten in dieser Selbstdefinition
hin.
Auf dem Gebiet der Erweiterung der Möglichkeiten
internationaler Verständigung durch das Verständnis moderner nationaler
Identifikations- und Selbstidentifikationsprozesse ist die heutige Situation
Österreichs von großem Interesse. In Gesprächen mit Germanisten, Historikern und
Schriftstellern ist immer wieder die Klage zu hören, daß das statistisch belegte
und im täglichen Gespräch und Verhalten durchaus präsente neue
Österreichbewußtsein von keinem entsprechenden Selbstbewußtsein begleitet ist.
Vielfach fehlt die Fähigkeit und der Wille, die Frage "was ist österreichisch?"
zu beantworten. Es bestehen große Schwierigkeiten bei der Verbalisierung der
Probleme von Staat, Nation, Volk, Sprache und Gesellschaft im Kontext des
heutigen Mitteleuropas. Es fehlt eine der Thematik angemessene Terminologie, ein
Zustand der Sprachlosigkeit beherrscht oft die Debatten über nationale
Charakteristika im allgemeinen und eine moderne österreichische Identität im
spezifischen Sinne. Die Schwierigkeiten der Österreicher, über ihre moderne,
nicht vom ethnischen Sprachnationalismus des 19. Jahrhunderts bestimmte
Selbstidentifikation zu sprechen, ist aber gleichzeitig mit starken
Ressentiments gegen Außenstehende durchsetzt, die die Besonderheiten der
österreichischen Kultur nicht bemerken und anerkennen wollen. Selbst
meinungsbildende Intellektuelle und Wissenschaftler, die vorzügliche Arbeit bei
der internationalen Verbreitung und Popularisierung österreichischer Sprache und
Literatur leisten, geben vielmals taktvoll ausweichende Antworten, wenn sie über
die Spezifika österreichischer Kulturtraditionen und der modernen nationalen
Bewußtseinsbildung des Landes befragt werden. Sie fürchten sich vor der
Komplexität der Beschreibung nationaler Charakteristika; sie befürchten in
simplifizierende, verfälschende Klischees zu verfallen, die regionalen
Unterschiede innerhalb Österreichs zu verschleiern und einem weltweit neu
erstarkenden Chauvinismus und Rassismus das Wort zu sprechen. Natürlich ist auch
die Erinnerung an den verbrecherischen Mißbrauch nationaler Schlagworte in den
totalitären Bewegungen unseres Jahrhunderts lebendig geblieben. In der Linken
lebt so die im Aufklärungsparadigma wurzelnde volle Ablehnung jeder ernsthaften
Analyse regionaler und nationaler Besonderheiten weiter; die Rechte ist bis
heute vielfach mit deutschnationalen, ethnisch-völkischen Traditionen verbunden
geblieben. Allgemein besteht die Befürchtung, man werde selbst durch eine
wissenschaftliche Beschäftigung mit den spezifischen Charakteristika der
österreichischen Kultur, mit rückständigsten Kräften des Provinzlertums
gemeinsame Sache machen und ein touristisch aufgemachtes Österreichbild fördern.
Erschwerend wirken für heutige Österreicher die im historischen
Langzeitgedächtnis der Nation noch durchaus vorhandenen Interferenzen des
Staatsnationalismus der Habsburgermonarchie mit dem reichsdeutschen
Sprachnationalismus. Dem wird schon durch die Tatsache Vorschub geleistet, daß
der Terminus "deutsch" gleichzeitig für die gemeinsame Sprache der beiden Länder
und die staatsrechtliche Bezeichnung der Bürger der Bundesrepublik Deutschland
gebraucht wird.
Wie in vielen Situationen kleiner und großer
Gesellschaftssysteme desselben plurizentrischen Sprachraums gibt es seit
Jahrhunderten nie deutlich verbalisierte Spannungen, Überheblichkeitsgefühle und
Minderwertigkeitskomplexe zwischen Deutschen und Österreichern. Sie werden
erschwert durch Erinnerungen an alte Konkurrenzkämpfe, an die Disparität
zwischen der imperialen Stellung Wiens im deutschen Sprachbereich und der
ökonomischen Abhängigkeit der österreichischen Literatur vom größeren,
finanzkräftigeren deutschen Büchermarkt. Seit der Zeit des Reformabsolutismus
gibt es allerdings bittere Konflikte mit deutschen Kritikern, Regisseuren,
Universitätsprofessoren und Verlagslektoren um die Anerkennung von
Besonderheiten der österreichischen Kultur.

5. Österreichische Literatur
und internationale Verständigung
Die Beschäftigung mit der Rolle und Funktion der
deutschsprachigen österreichischen Literatur kann als Modell dienen für die
Erhellung von Verständnismöglichkeiten und -schwierigkeiten zwischen
verschiedenen Kultursystemen desselben Sprachbereichs eine Situation, die trotz
der Entstehung einer modernen globalen Kultur auch an vielen anderen Orten der
Welt zum wichtigen Problem geworden ist. Es geht um eine Konstellation, die
zeigt, wie Sprache selbst im Falle der auf Wortkunst beruhenden Literatur ein
zwar sehr wichtiger, aber doch nicht allein bestimmender Faktor der kulturellen
Identifikation ist - die österreichische Literatur unterscheidet sich unter
anderem ja gerade dadurch von der deutschen, daß sie besonders enge Beziehungen
zur Literatur- und Kulturentwicklung des über das deutsche Sprachgebiet
hinausgehenden vielsprachigen, multikulturellen mitteleuropäischen Raumes hat.
Dies kann diesem Literatursystem eine manchmal sehr modern anmutende
pluralistische Offenheit geben. Die Diskussion über Besonderheiten einer
österreichischen Kultur muß immer zur Voraussetzung haben, daß es hierbei nicht
um normierte Stereotypen ewig feststehender, rassistisch-biologisch erklärbarer
Phänomena geht, sondern um kulturelle Systeme mit weit offenen Rändern, um
Möglichkeiten pluraler, multipler Identifikationen. Es geht auch nicht um
normative Urteile ästhetischen, moralischen oder politischen Charakters. In der
komplexen ethnisch-gesellschaftlichen Situation der Donaumonarchie entstanden
Haltungen der Kompromißbereitschaft, der Ablehnung eines Denkens in starren
Kategorien des "entweder/oder". In dieser Mentalität hat wohl das von Robert
Menasse so stark kritisierte österreichische "Prinzip des Entweder-und-Oder"
seine Wurzeln (vgl. R. Menasse, 1992, S. 16ff.) - vielleicht hat sich aber
gerade diese Haltung für die Entwicklung eines undogmatischen künstlerischen und
literarischen Schaffens sehr positiv ausgewirkt.
Der Gebrauch der deutschen Sprache, viele
gemeinsame Traditionen, Erinnerungen und Institutionen verbinden die
österreichische Kultur mit der der Bundesrepublik oder der Schweiz; natürlich
ist sie auch Teil anderer nationaler Kulturen Mitteleuropas, Europas und der
ganzen westlichen Welt. Für das Verständnis solcher Modelle einander
überschneidender Kreise mit neu entstehenden Zentren und Peripherien bietet die
Literatur Österreichs gute Beispiele. Man muß verstehen, daß große
deutschsprachige Autoren der Weltliteratur - Goethe und Schiller, Stifter und
Thomas Mann, Frisch und Brecht, Kafka und Musil in der deutschen Kultur immer
etwas anders gelesen und verstanden wurden als in der österreichischen.
Keineswegs können isolierte Sätze oder Absätze oder auch vereinzelte Werke in
dieser Situation gleichsprachig plurizentrischer Kulturen als zum einen oder
anderen Kulturbereich gehörend identifiziert werden. Sicher gibt es aber seit
200 Jahren eine spezifisch österreichische Literatur, die mit anderen
deutschsprachigen Literaturen, aber auch mit anderssprachigen Literatursystemen
der Region in enger Beziehung steht.
Dieses System österreichischer Literatur hat
gewisse Traditionsstränge, häufiger auftretende Themen, Haltungen und
Strategien, die es von anderen deutschsprachigen und europäischen Literaturen
unterscheidet. Es geht hier unter vielem anderen um die seit der Zeit des
Reformabsolutismus verschiedentlich variierten Darstellungen des Protests gegen
geschlossene Systeme und Ideologien, gegen fundamentalistische Positionen aller
Art - Haltungen der "Eigenschaftslosigkeit" und des "Möglichkeitsmenschen"
(Musil) werden aufgezeigt, Einstellungen der "Aperzeptionsverweigerung"
(Doderer) bloßgestellt. Oft zeigt die österreichische Literatur die Gefahren
völlig durchbürokratisierter, unmenschlich perfekter und zugleich hoffnungslos
verkommener Gesellschaftssysteme auf (Kafka). Dominant bleibt eine Perspektive
"von unten" in den Traditionen der Volkskomödie - nicht aufgrund theoretischer
Postulate erarbeitet, sondern aus der Theaternähe der Kultur entstehend. Auch
die enge Verbindung von Musik und Literatur fördert hoch sensible,
psychologisch-analytische Darstellungen, menschlicher Probleme (Grillparzer und
Stifter, Schnitzler und Canetti).
Verschiedenste Varianten der Sprachkritik
entstehen in Österreich in einer Atmosphäre hoch ausgebildeter
sprachlich-artistischer Sensitivität im Protest gegen die gefroren-unmenschliche
autoritäre Sprache bürokratisierter Institutionen. Seit der Broschürenliteratur
des josephinischen Jahrzehnts gibt es immer wieder hervorragende österreichische
Werke, die auf dem Prinzip der Parodie beruhen - wortwörtlich zitierte Sprache
entlarvt sich selbst und enthüllt die hinter dem Klischee stehende lügenhafte
Absicht des Sprechenden, seine Dummheit und die Immoralität seiner Absichten.
Diese parodistische Struktur ist eng verbunden mit Satire und Ironie; sie ist
ebenso charakteristisch für völlig in Vergessenheit geratene josephinische
Schriften von F.X. Huber oder Paul Weidmann, wie für Monologe der Nestroyschen
Figuren, des Leutnant Gustl, des Herrn Karl und Bernhards "Auslöscher"
Franz-Josef Murau. Diese parodistische Technik liegt dem Lebenswerk von Karl
Kraus zugrunde. Die Tradition künstlerischer Sprachkritik bestimmt die Parodien
von Robert Neumann und Friedrich Torberg ebenso wie die umfassende parodistische
Gestaltung der zeitgenössischen Welt durch den Ungarn Frigyes Karinthy und die
Darstellung der untergehenden Habsburgermonarchie aus der tschechischen
Perspektive in Jaroslav Hašeks "Schwejk".
Die Fähigkeit, aufmerksam hinzuhören, zu
verstehen, wie Sprache und Sprachgestik gleichzeitig aussagt und verhüllt,
erlangte durch die Freudsche Psychoanalyse internationale Bedeutung für das
wissenschaftliche Denken und die ärztliche Praxis der Moderne. Sie wird auch
wichtig für Kunst und Literatur. In der vielsprachigen, multinationalen
Atmosphäre Wiens und Mitteleuorpas entstand eine verstärkte Freude an Spiel,
Unsinn und freier Assoziation, der Zerstörung falscher Sprach-, Denk- und
Gesellschaftsnormen in der absurd-anarchischen Sprachkunst der Wiener Gruppe
oder der Poesie Ernst Jandls, die ihn zum veritablen Nationaldichter des neuen
Österreichs machte.
Die Möglichkeiten und Schwierigkeiten
internationaler Verständigung werden in der österreichischen Literatur oft auch
direkt thematisiert. Es geht um die Einführung von Gestalten aus
anderssprachigen Teilen Mitteleuropas, um die Einübung in die Fähigkeit,
sprachliche, kulturelle und nationale Unterschiede verstehen und künstlerisch
darstellen zu können. Es ist nicht überraschend, daß Karl Postl als Charles
Sealsfield zum vielleicht besten und sensitivsten Darsteller der
ethnisch-kulturellen Vielfalt der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert wurde.
Zugleich ist auch die Frage nach den Verständigungsmöglichkeiten zwischen
"gleichsprachigen" Fremden im plurizentrischen Sprachraum zum ständigen Thema
geworden. Es geht hier um die von Walter Weiss als "Sendboten aus dem Reich"
bezeichneten deutschen Gestalten der österreichischen Literatur, von der
Volkskomödie bis zu Hofmannsthals Baron Neuhoff, Musils Arnheim und dem
Weinflaschenstöpsel-Fabrikanten aus dem Badischen in Thomas Bernhards
"Auslöschung" des Jahres 1986.

6. Möglichkeiten des
Multikulturalismus: Österreich und Australien
Bei der Entwicklung einer spezifisch
österreichischen Kultur und Literatur geht es um einen einzigartigen Modellfall
der nationalen Bewußtseinsbildung im Schnittpunkt verschiedener Sprachen,
Kulturen und historischer Traditionen in einer neuen globalen Situation, in der
Differenzierung und Integration verschiedener Kultursysteme gleichermaßen ihren
Platz finden müssen, ohne unlösbar antagonistische Konflikte herbeizuführen. Das
neue Österreichbewußtsein ist eng verbunden mit einer pluralistischen,
multidimensionalen Kulturauffassung, in der das Verständnis kultureller
Unterschiede das Gespräch über multiple Identitäten gleichwertiger Systeme
ermöglicht, die sich in komplexen, historisch-soziologisch weithin erklärbaren
Sonderentwicklungen herausgebildet haben. Das Verständnis solcher Unterschiede
kann im Prozeß der Ausbildung moderner Zivilgesellschaften hoffentlich zum
friedlichen Zusammenleben von Staaten und Nationen beitragen. Es ist sehr
wichtig, vorurteilsfreie Terminologien für die Diskussion solcher oft schwer
traumatisierter Prozesse zu finden.
Mein vielleicht etwas utopisch und optimistisch
anmutender Glaube an die Möglichkeit eines neuartigen internationalen Kunst- und
Kulturverständnisses aufgrund der Auflösung krampfhafter Neurosen und
Fundamentalismen bei der Selbstbestimmung moderner Nationen ist vielleicht auch
in meinen australischen Erfahrungen begründet. Hier entwickelte sich im Laufe
der letzten dreißig Jahre eine moderne pluralistische Gesellschaft, die sich
heute als "multikulturell" definiert. Dadurch
konnte Australien die Probleme einer vielsprachigen Emigrantenbevölkerung mit
den Ansprüchen der herrschenden Gruppe englischsprechender Australier verbinden,
die ihrerseits im plurizentrischen angelsächsischen Sprachbereich störende
Minderwertigkeitsgefühle gegenüber mächtigeren Nationen dieses Sprachgebiets
überwinden mußten. Die multikulturelle Selbstidentifikation erleichterte
Australien auch eine bessere und gerechtere Integration der Ureinwohner des
Landes und eine neuartige ökonomisch-politische und kulturelle Positionierung im
asiatisch-pazifischen Raum. Natürlich unterscheiden sich die Bedingungen des
klassischen Einwandererlandes Australien sehr von den Verhältnissen des durch
traditionelle Konflikte und territoriale Machtkämpfe bestimmten Mitteleuropas.
Trotzdem können vielleicht Fälle gelungener kultureller und nationaler
Identifikation und Selbstidentifikation komplexer moderner
Industriegesellschaften zur Erkenntnis verhelfen, wie solche Prozesse an
verschiedenen Orten unserer unteilbar gewordenen Welt vor sich gehen. Wichtig
ist es auch, die Zeitdimensionen solcher Entwicklungen registrieren zu können -
immer wieder tritt ja in Mittel- und Osteuropa die Frage auf, wie lange es
dauern werde, bis eine moderne Zivilgesellschaft etabliert und ideologisch wie
institutionell konsolidiert werden könne, und wie schnell der Umschlag zu einem
offenen, pluralistischen Nationalbewußtsein neuer Art zu verwirklichen ist. Das
Gespräch über Bedingungen und Möglichkeiten solcher Prozesse internationaler
Verständigung und Kommunikation könnte sehr wohl im Mittelpunkt dieser Konferenz
stehen.


|