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Dädimunda deviyo


Von Rainer Kurka. Während meines neunmonatigen Aufenthaltes in Sri Lanka bereitete ich mich auf die Magisterarbeit vor. Mein Thema war der Yaksha-Kult und seine Rolle im Volksbuddhismus Sri Lankas. Wie lebendig dieser Kult heute noch ist, soll die nachfolgende Geschichte zeigen, wie sie sich 1994 dort tatsächlich ereignet hat.

Dädimunda, die Begleitfigur des Gottes Vishnu (Upulvan) und oft als mächtigster der niederen Bandara-deviyo (Ahnengötter) geführt, gehört zu den volkstümlichsten Göttern der Singhalesen. Sein Vater war der Yaksha1-Häuptling Purnaka, seine Mutter die Naga-Prinzessin Irandati. Zu seiner Gefolgschaft gehören zahlreiche Yakshas, und manchmal erhält er selbst die Charakteristika eines Yaksha.
Dädimunda unterstützte den Buddha in dem seiner Erleuchtung vorangehenden Kampf gegen Mara Vasavatti. Er kam sodann als Schutzgott des Buddhismus aus Indien nach Ceylon.
Unser singhalesischer Bauherr (Anura) machte laut seiner Erzählung schon vor zwölf Jahren Bekanntschaft mit Dädimunda. Anura schlief in einer Nacht mitten im Dschungel unter einem Baum. Er erwachte plötzlich und sah in einiger Entfernung eine gelbleuchtende Gestalt stehen. Anura erhob sich von seinem Lager um zu sehen, wer diese Figur war, die aussah wie ein Mensch.

Er konnte die Gestalt nicht finden, und so legte er sich wieder schlafen. Im Schlaf fühlte Anura die Gestalt dann nahe seiner Wange. Sie sprach zu ihm sinngemäß: "Ich bin Dädimunda. Ich kann dein Freund sein und dir helfen, wenn du Schwierigkeiten im Leben haben solltest. Zünde die nächsten drei Tage ein Öllicht für mich an und stelle dann das Licht vor ein Bild von mir."
Anura war neugierig und tat genau das, was Dädimunda zu ihm gesagt hatte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen den beiden eine gute Freundschaft. Dädimunda half in vielen Fällen, wie mir Anura begeistert berichtete.
Für die Lösung von Problemen erhielt Anura ein spezielles Dädimunda-Mantra von seinem Guru und eine weitere Anweisung, die bei sogenannten "unsichtbaren Strafaktionen" durchzuführen sei. Auch bei seinem jetzigen Problem bat Anura seinen Freund Dädimunda um Hilfe.

Das Problem
Die Nachbarsfamilie, entfernte Verwandte, war sehr eifersüchtig auf Anura. Sie terrorisierte Anura, seine Familie und auch mich unter anderem mit lautstarken Beschimpfungen, Einmischungen in Anuras Bau der Grundstücksgrenzmauer sowie mit lautstarker Musik, die täglich bis in die Morgenstunden andauerte. Als dann Anuras Stromversorgung durch das Elektrizitätsamt unterbrochen wurde, vermuteten wir, dass Kumara, der jüngere Sohn dieser Familie, Anuras improvisierte und im strengen Sinne nicht erlaubte Stromversorgung aus dem zwei Häuser danebenliegenden Haus des Vaters, an das Elektrizitätsamt verraten hat.
Bekanntlich bilden Eifersucht, Neid und Missgunst die Triebfedern, dass man einer Person wissentlich oder unwissentlich etwas Böses anwünscht: Misserfolg, Unglück, Krankheit oder was es sonst sein mag. In all diesen Fällen sprich man von vas-dos ("vasa" oder "vaha" bedeutet soviel wie Gift, Schlechtigkeit, Boshaftigkeit; "dos" oder "dosa": eine bestimmte Kategorie von Krankheit, wozu Misserfolg und jegliche Art von Unglück zählen). Die schlimmsten Auswirkungen des bösen Blickes, der bösen Gedanken und Reden, die einer gegen einen anderen führt oder hegt, betreffen natürlich Krankheiten oder Unglücksfälle, gegen die man sich bloß durch geeignete Amulette (Yantra und Mantra), vor allem aber durch die Veranstaltung gewisser Zeremonien schützen kann. Der Überlieferung nach gehen die vas-dos auf eine Gottheit, nämlich Devol-deviyo beziehungsweise die ihm unterstellten sieben Yakku zurück, die seine Befehle zur Ausführung zu bringen haben. Die geschädigte Person wendet sich nun selbst an Devol-deviyo, der manchmal mit Dädimunda verschmolzen ist, um den Gegener zu schädigen, vorausgesetzt, dass dieser ihm als erster etwas angetan hat.

Die Problemlösung
An einem Abend, der von einem ganitaya (Astrologe) zuvor bestimmt worden war, nahm Anura ein kleines Lehmschälchen in die Hand, füllte es mit Kokosnussöl und legte einen Docht hinein. Dann dachte er den folgenden Mantra:
ONG ANG ANG ING ING UNG UNG KANG KANG KING KING NARAYANA DEVATAVA VAVA SHARANA DÄDIMUNDA NAMA SHARA SHARA SHAKRA DEVA VARUM
ONG AKASHA DEVA VARUM SHARA PISSI KALI ÄVISSI VARA MARA DEVA DISHTI PATRAKALI DÄDIMUNDA DEVA DISHTI NAMAH
.
Danach pustete Anura einmal auf das Öllämpchen. Er wiederholte dieses Ritual (Mantra und Pusten) sieben mal. Nach dem siebten Mal stellte er das Öllämpchen vor das Dädimunda-Bild und zündete den Docht an. Nun fand die Problemerörterung im Geiste statt. Anura wünschte, dass die Nachbarsfamilie Bestrafung erfahren und Frieden geben solle. So zündete er einen Kapuru "Bonbon" (Kampfer - helles Leuchten; verbrennt ohne Rückstände) an. Die Problemerörterung dauerte. Jedesmal, wenn ein Kapuru erloschen war, wurde ein weiteres angezündet. Als die Problemerörterung beendet war, bedankte sich Anura bei Dädimunda mit der kurzen Wunsch-Gatha (Vandana-Gatha), die die himmlischen und erdgebundenen Gottheiten anspricht.
Die Strafaktion hatte Erfolg und es kehrte wieder halbwegs Friede ein. Wie Raja, ein guter Freund der Familie, sagt, werden im Dschungel, wo er zuhause ist, sämtliche Streitigkeiten auf diese Weise geregelt. Raja ist in der Lage, auch unbekannte Übeltäter ausfindig zu machen (Anjanan-Zauber).
Die göttlichen Wesen sind bei der Wunscherfüllung jedoch nicht unkritisch. Diene sie nur der Aufbesserung des menschlichen Egos und nicht dem Dhamma (Dharma) oder wäre sie nicht rechtmäßig, dann würden die Wesen die vom Menschen geäußerten Wünsche nicht erfüllen, beziehungsweise im unglücklichsten Fall sogar gegen sie wenden.

Die "Bestrafung"
Ich habe Anura gefragt, wie denn Dädimunda wirke? Er sagte sinngemäß, dass Dädimunda helfe, indem er einen Yaksha beauftrage, der die "schlechten" Menschen bestrafen würde (Verstoß gegen das Dhamma verursacht schlechtes Kamma). Dieser Yaksha würde zuerst leichteres Unglück bringen, um damit an die Einsicht des "schlechten" Menschen zu appellieren, dem Dhamma entsprechend zu handeln. Beendet dieser seine "bösen" Handlungen nicht, dann wird die "Strafaktion" schlimmeren Schaden herbeiführen. Solange wird dieser Vorgang wiederholt, bis die "Bösewichte" tatsächlich zur besseren Einsicht gelangt sind. Die "Strafaktion" funktioniere, wie Anura erklärte, ähnlich einer Schraube, die immer tiefer ins Holz gedreht wird.
Das erste sichtbare Resultat kurz nach der Dädimunda-Anrufung am selbigen Abend, war ein Verkehrsunfall, in dem Kumara, der vermeintliche Verräter, auf seinem Fahrrad mit einem Motorrad zusammengestoßen war. Kumaras Familie rannte jammernd zum Unfallort und wollte dem Motorradfahrer die Schuld an dem Unfall geben. Doch Kumara wurde die volle Schuld zugewiesen. Sein Fahrrad war irreparabel beschädigt, was einen für die Familie großen materiellen Verlust bedeutete. Die Familie beendete ihre "bösen" Handlungen aber nicht, und so folgte die nächste "Schraubendrehung", nachdem Anura erneut Dädimunda angerufen hat. Wie Anura prophezeite, würden nun schlimmere Unglücksfälle die Familie befallen.
Als nächstes stieß sich Douglas, der ältere Sohn, so unglücklich den Fuß, so dass er gebrochen war. Douglas konnte für die nächsten Wochen nicht mehr Fußball spielen, was für ihn als singhalesischen Nationalspieler höchst ärgerlich war.
Imarka, die Schwester, befielen starke anhaltende Kopfschmerzen und Depressionen; eine andere Schwester wurde ernstlich krank. Sie musste das eheliche Haus in Dondra verlassen und in das Haus ihrer Eltern ziehen, um gepflegt werden zu können; Gamini überwarf sich mit Douglas, seinem besten Freund und verließ das Haus mit Sujeeva, einer weiteren Schwester von Douglas. Die schlimmste Strafe aber war, dass der Vater eine erneute Herzattacke erlitt. Nun fürchtete sich die Familie aufgrund der kurz aufeinander erfolgten Unglücksfälle sehr. Denn diese waren neben der Sorge um die Familienmitglieder auch stark mit finanziellen Kosten für Ärzte und Medikamente verbunden, die die Familie nur schwer verkraften konnten. Wie Anura weiter prophezeite, würde die Familie nun sämtliche Fenster und Türen mit Pappkarton verhängen, um sich gegen weiteres Unglück zu schützen, und - sie würde endlich Frieden geben.
Genau das traf ein: Sämtliche Fenster und Türen waren am Tag nach Anuras Prophezeiung mit Pappkarton versehen. Der Terror wurde beendet, und es herrschte wieder Ruhe. Begegnete man sich auf der Straße, so senkten die Unruhestifter die Köpfe und gingen schweigend ihrer Wege. Sie fürchteten Anura, und man erzählte Geschichten aus der Vergangenheit, wo Ähnliches schon einmal passiert sein soll - damals kam es, wie gesagt wurde, sogar zu Todesfällen. Sie "wussten", dass Anura mit den Göttern und Geistern reden könne.


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