|
| GEO Special Nr.6 Dez./Jan. 2000/1
Ein Bericht zu den Rastafari in Jamaika
LET IT GROW, LET IT FLOW
1935 tauchten die Männer mit den dicken Haarsträngen das erste Mal in Jamaica auf. Ihr Anblick verängstigte einige Inselbewohner so sehr,dass sie für die verfilzten Zöpfe ein Schimpfwort erfanden: "Dreadlocks" - Schreckenslocken.
Deren Besitzer nannten sich "Rasta-fari"; nach ihrem Messias, dem Äthiopischen Ras Ta Fari, der sich fünf Jahre zuvor als Haile Selassie hatte zum Kaiser krönen lassen. 1935 nun war der "Löwe von Juda" von italienischen Truppen außer Land gejagt worden - und Haile Selassies Anhänger in Afrika und auch in Jamaica gelobten, ihr Haar wachsen zu lassen, bis der Kaiser wieder auf dem Thron säße. Sie richteten sich dabei nach einem Gebot aus dem vierten Buch Mose, das vorschrieb, während eines Gelübdes das Haar frei wachsen zu lassen.
Haile Selassie kehrte 1941 auf seinen Thron zurück. Doch da hatten die Mähnen auf Jamaica längst eine eigenständige Bedeutung gewonnen. Sie symbolisierten den Stolz der Rastas auf ihre afrikanische Abstammung, schließlich erinnerten die verfilzten Locken an die traditionelle Haartracht des äthiopischen Oromo-Volkes, aber auch an den Kopfputz der Asante-Priester in Ghana und der Baye-Fall-Sekte in Senegal.
Mitte der siebziger Jahre, mit dem Siegeszug der Reggae-Musik, wurden auch die Rasta-Locken weltweit populär. Unter den Schwarzen in der Karibik, in Afrika und den Vereinigten Staaten begann eine Art Haar-Renaissance, in der sie kunstvoll geflochtene Zöpfe und Haarschnecken wieder entdeckten. Zuvor hatten viele Schwarze versucht, ihr Aussehen dem der Weißen anzupassen; hatten mit heißen Zangen sich ihre Locken herausgezogen oder mit Cremes versucht, die Krause zu bändigen.
Noch heute sind Dreadlocks vor allem ein Zeichen schwarzen Selbstbewusstseins. Die US-Sängerin Lauryn Hill etwa trägt sie, auch die Schriftstellerin Alice Walker ("Die Farbe Lila"). In der Karibik selbst sieht man Rasta-Locken auf fast jeder Insel. Nur in teuren Hotels und Restaurants verbieten viele der meist amerikanischen Manager ihrem schwarzen Personal die Haarpracht - aus angeblich "hygienischen Gründen".
Für Schwarze ist das Styling einfach: Ihr Haar hat keinen runden, sondern einen elliptischen Querschnitt und kräuselt sich deshalb besonders stark. Wird es nicht gekämmt, verfilzt das Haar von selbst. | Europäer und Asiaten haben es dagegen schwer, Bob Marley nachzueifern: Ohne Naturkrause wachsen kein Dreadlocks - es sei denn, man hilft nach. Japanische Trendsetter lassen ihr glattes Haar bündeln und mit Kleister bestreichen, damit es zu Zöpfen verklumpt. Immerhin 1000 Mark zahlen sie für den Versuch, so natürlich und ungebändigt auszusehen wie ein karibischer Rastafari.
Rasta als Religion hat alle Voraussetzungen für hohen Zulauf in nachchristlichen Zeiten: Rasta. Keine geschriebenen Regeln, keine kirchlichen Strukturen. Es ist eine Religion für Individualisten; jeder sein eigener Erzbischof, jeder sein eigener Experte in Theologie und Liturgie. Ihr Messias war Haile Selassie von Äthiopien, ihr Johann Sebastian Bach heißt Bob Marley. |
|
Und ihr Sakrament ist der Hanf, von dem die Rastas nur die kleinsten Blüten als spliff rauchen, im Joint oder in einer riesigen Pfeife, der chalice. Peter Tosh, einer ihrer Apostel, sang bekanntlich nicht nur "Legalize it", sondern auch "Entzünde eine chalice/im Buckingham Palace". |
Carol Reid, Friseuse: »Ich lasse mir jetzt zum drittenmal Dreadlocks wachsen. Es ist ein natürlicher Haarstil, und er passt zu mir. Meinen Eltern erzähle ich, dass ich soviel zu tun habe, dass ich gar nicht dazu komme, mich um meine Haare zu kümmern.«
Tony Moses, Disc Jockey: »Mein Körper ist mein Tempel, und meine Dreadlocks sind Ausdruck meines Selbstbewusstseins. Der Mann, der sich und seine Krone pflegt, ruht in sich.«
Grandville Reynolds, tiefgläubiger Rasta: »Brüder und Schwestern, es geht nur darum: Rasta ist die Haschischpfeife, gelobt sei Gott Jah. Und Dreads sind die Antennen, um Jah zu verstehen. Er und ich, wir sind beide Rasta, Teil der Schöpfung.«

|
|
|