Es ist vor allem die wirtschaftliche und soziale Situation, die den Machthabern Kopfzerbrechen bereitet. Das Gespenst sozialer Revolten stellt heute eine ernstere Bedrohung dar als die zerschlagene politische Opposition. Der Gegensatz zwischen denjenigen, die Zugang zu Privilegien und Pfründen des Regimes haben, und der normalen Bevölkerung wird sich auch angesichts der Altersverteilung bis ins 21. Jahrhundert hinein weiter vertiefen. Falls keine grundlegende Änderung der Politik eingeleitet wird, können nur Finanzspritzen aus den arabischen Ölstaaten Abhilfe schaffen.
In den libanesischen Bürgerkrieg griff Syrien mit wechselnden Frontstellungen ein. 1991 wurde mit dem Libanon ein Vertrag geschlossen, der Mitsprache bei allen wichtigen Entscheidungen garantierte. Die Handlungsfreiheit für seine Libanonpolitik sicherte sich Assad durch seine proamerikanische Haltung im Golfkrieg. Haupthindernis für ein Friedensabkommen mit Israel bildet nach wie vor die israelische Besetzung der Golan-Höhen. Das Regime riskiert soziale Unzufriedenheit der Mehrheit der Bevölkerung, wenn auch künftig die für Fortschritt und Entwicklung notwendigen Mittel in den ohnehin schon viel zu teuren Militär- und Sicherheitsapparat fließen werden.
Die Menschen
Auf den ersten Blick scheint Syrien, das über Jahrtausende hinweg Stätte des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Kulturen war, eine überraschend homogene Bevölkerung aufzuweisen: Etwa 90% der Einwohner sprechen Arabisch und sind Moslems. Die Gebetsrufe, die fünfmal am Tag von den Lautsprechern der Minarette schallen, erinnern den Touristen daran, dass er sich in einem islamisch geprägten Land aufhält. Doch hinter der klaren Sprache der Zahlen verbirgt sich ein Puzzle nationaler und vor allem religiöser Minderheiten, die zum Teil in uralten Traditionen verwurzelt sind.
Die Bevölkerung Syriens, das zu Beginn des französischen Mandats ganze 1,3 Millionen Einwohner zählte, war zur Jahrtausendwende auf über 15 Millionen angewachsen. Ähnlich wie in den Staaten Nordafrikas sind über 40% der Bevölkerung jünger als fünfzehn Jahre. Auch künftig wird die Bevölkerung weiterhin rapide wachsen. Auch wenn Syrien bislang nicht unter Überbevölkerung leidet, sind angesichts der begrenzten Möglichkeiten der Entwicklung wirtschaftliche und soziale Folgeprobleme absehbar.
Die Syrer verstehen sich als Teil der arabischen Nation. Genau genommen setzen sich die Araber aus einer sprachlich und kulturell völlig assimilierten Mischbevölkerung aus den Nachfahren der Einwanderer von der arabischen Halbinsel und verschiedenen alteingesessenen Völkern zusammen. Die Lebensweise und Werte der islamischen Eroberer werden heute von den etwa 200.000 Beduinen repräsentiert. Sie haben den arabischen Gesellschaften ihren Stempel aufgedrückt, etwa, was die Achtung der Gastfreundschaft anbelangt, auch wenn sie in einer Zeit von Nationalstaaten, städtischer Kultur und technologischer Entwicklung eine Art Gegenpol bilden. Zu den Arabern zählen auch die rund 230.000 Palästinenser, die in der Umgebung von Damaskus und Homs leben.
Wie alle seine Nachbarstaaten, hat auch Syrien seine nationalen Minderheiten: Im Norden des Landes die unter Diskriminierung leidenden Kurden, deren Heimat, Kurdistan, zwischen der Türkei, dem Irak, Iran, Armenien, Aserbaidschan und Syrien aufgeteilt ist; die Armenier, die bereits im 5. Jahrhundert eine eigene christliche Gemeinde etablierten; die Tscherkessen, die ursprünglich aus dem Kaukasus stammen und in der Zeit des Osmanischen Reiches als Wehrbauern angesiedelt wurden; die Türken und Turkmenen, die im westlichen Grenzgebiet leben, und die Assyrer, die sich im 6. Jahrhundert als unabhängige Kirche konstituierten. Zu den Minderheiten zählen schließlich auch die wenigen im Land verbliebenen Juden. Die meisten von ihnen leben in Damaskus und Aleppo in der Nähe der alten Christenviertel.
Die Beispiele der Armenier oder Assyrer verweisen bereits auf die religiöse Zersplitterung. Das gilt selbst für den moslemischen Teil der Bevölkerung. Rund 70% der Syrer zählen zur sunnitischen Mehrheitsströmung des Islam. Die Minderheitsströmung des Schiismus, eine Spaltung, die auf die Frühzeit des Islam zurückgeht, stellt 16% und zerfällt wiederum in verschiedene Strömungen.
Fast die Hälfte der Schiiten sind Alawiten. Ihr Kernland ist das sogenannte Alawitengebirge bei Al-Ladhiqiyah. Sie sind eine traditionell bäuerliche Gemeinschaft, die ärmer und weniger gebildet ist als der Durchschnitt der syrischen Bevölkerung.
Unter dem alawitischen Staatschef Hafez Al Assad eroberten sie Schlüsselstellungen in der herrschenden Baathpartei, in der staatlichen Verwaltung und dem Militär. Zu den schiitischen Minderheiten gehören auch die Drusen im Hauran und die Ismailiten, die sich in der Stadt Salamiyah konzentrieren.
Ein entscheidender Anteil an der Verbreitung europäischer Gedanken und Ideologien kommt den syrischen Christen zu, die rund 9% der Bevölkerung stellen. So war der Gründer der Baathpartei, Michel Aflaq (1910-1989), der für einen arabischen Sozialismus warb, ein Christ. Auch in Palästinenser-Organisationen, die traditionell linken Dogmen folgen, ist der Anteil der Christen relativ hoch. Die Christen in Syrien sind ebenfalls in eine Vielzahl von Kirchen zersplittert, Spaltungen, die größtenteils auf theologische Kontroversen im 5. Jahrhundert zurückgehen. In der Stadt Aleppo gibt es beispielsweise elf verschiedene christliche Gemeinschaften. Zwei Drittel der Christen folgen dem orthodoxen Ritus, der im Orient entstanden ist und gemäß der Überlieferung von den Aposteln Petrus und Paulus begründet wurde. Es gibt in Syrien heute noch drei Bergdörfer, in denen Aramäisch, die Sprache Christi, gesprochen wird. Im Falle von Ma'lúla musste erst der Fels gesprengt werden, um den Ort für Fahrzeuge zugänglich zu machen. Die Gebirgskette entlang der Küste war Rückzugsgebiet für religiöse Minderheiten. Dies gilt auch für die Maroniten im Libanon und die Alawiten Syriens, beides Gemeinschaften, die heute großen Einfluss auf die Politik ihrer Länder haben.
Die religiöse Zersplitterung bildet ein Kernproblem der politischen Verhältnisse: Obwohl die Sunniten die weitaus größte religiöse Gemeinschaft stellen, spielen sie an den Schaltstellen der Macht nur eine untergeordnete Rolle, während Minderheiten wie Drusen, Ismailiten und Christen überrepräsentiert sind - eine wesentliche Ursache für Spannungen in der Gesellschaft, die sich wiederholt in blutigen Auseinandersetzungen entluden. Zu einem Höhepunkt dieser Konflikte kam es im Jahre 1982, als ein Aufstand der sunnitisch-fundamentalistischen Moslem-Brüder in Hama von der Luftwaffe niedergeschlagen wurde.
Literatur
Alle Länder dieser Erde. Band 2, Sonderausgabe in 2 Bänden, Reader's Digest (Hg), Bertelsmann, Gütersloh/München, 2001, S.1370 f.
www-Links
Amnesty International (Berichte)
Syrien und ein Tag im Libanon -- ein Reisebericht
Beziehungen zwischen Syrien und Deutschland
Syria Gate
Syrien - ein Streifzug durch die Geschichte des Orients
Israels kleiner Sieg gegen Syrien
AI: Folter und Misshandlung
Languages of Syria
World Language: Syria
Syria Net
CIA -- The World Factbook -- Syria
Syria Online
Café Syria
Syria Daily - News
Hama am Orontes
Höhepunkte Syriens
Schätze der Welt - Damaskus
Damaskus - Aleppo
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